Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen - Annette Kolb - Buch

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen

DAS KLEINE PROPYLÄEN-BUCH
Annette Kolb
Erzählungen und Skizzen
Im Propyläen-Verlag / Berlin
Im Ullsteinhaus, Berlin
Für Germaine Stockley
Erst später wurde uns bewußt, was für lustige Leute wir doch eigentlich gewesen sind, als wir zu Hause noch alle beieinander waren. Damals ahnten wir es ja nicht. Wir hielten uns für tragische Figuren, die nur aus Trotz, und um andere hinters Licht zu führen, eine so vergnügte Maske zur Schau trugen, sahen wir doch sogar darin eine heroische Geste, daß wir als halb Abgebrannte immerzu offenes Haus hielten. In Wirklichkeit geschah dies aber nur, weil es uns Spaß machte. Da wir keinem bestimmten Kreis angehörten, hatten unsere Empfänge immerhin die Eigentümlichkeit, daß sie Leute zusammenführten, die sich nicht zu begegnen pflegten, jenem Milliardär Gelegenheit boten, sich, einmal und nicht wieder, mit jenem armen Teufel voraussetzungslos zu unterhalten, und jenem ehrgeizigen und hoffnungslosen Streber, einmal und nicht wieder, mit jenem Staatsmann ein paar Worte zu wechseln. Jedenfalls war es das Unkonventionelle mit all seinen unberechenbaren Möglichkeiten, das uns in Spannung hielt, und es dünkte uns das Monopol und die Romantik unseres Salons, daß er gewissermaßen eine Freistatt war, wo sich Fäden anspannen und Dinge einleiten ließen, deren Tragweite wir maßlos übertrieben. Und so bildete sich eine Protegierader in uns aus, die, anfänglich Spielerei, dann zur Grille wurde und endlich in Manie ausartete. Jedes hatte seine besonderen Schützlinge, zu deren Förderung eine Soiree nach der anderen veranstaltet wurde. Hatte alles geklappt und durften wir still triumphierend wahrnehmen, daß sich das Spiel unserer Intrigen wunschgemäß entrollte, so saßen wir, nachdem unsere Gäste uns verlassen hatten, noch lange über unser Tun wie über dem siebenten Schöpfungstage auf, dramatisierten unsere Absichtslosigkeit und fanden alles gut und höchst merkwürdig, besonders uns selbst.
Nun war es ja schon vorgekommen, daß eine ältere Freundin des Hauses sich am nächsten Morgen wieder hergetrieben fühlte, nicht etwa, wie wir bei ihrem Erscheinen erwarteten, um auf unser gelungenes Fest zurückzukommen, sondern im Gegenteil ihre wohlgemeinten Befürchtungen betreffs unserer so wenig gesicherten Zukunft auszusprechen und von dem Ernst des Lebens sowie unserem Leichtsinn zu reden, der uns die kostbare, enteilende Zeit so vergeuden ließ. Solche Kuckucksrufe wurden ungnädig aufgenommen. Aber im stillen erschraken wir doch sehr vor allem, was uns an die Wirklichkeit erinnerte. Zog sich die eine auf mehrere Tage in ihr Atelier zurück, nahm die andere Orgelstunden, so fing ich infolge innerer Panik sehr früh zu schreiben an. Ich verfaßte sehr schöne Artikel über den Tiefsinn in der Malerei, den Unwert der Renaissance und den Vorteil der Fremdwörter. Unter dem Titel: „Rose la France et Bière de Munich“ tadelte ich den Frankfurter Frieden. Die Redakteure, über die vielen Briefmarken betroffen, mit welchen ich ihre Aufmerksamkeit erzwingen wollte, sandten mir alles ziemlich umgehend zurück. Inzwischen war auch ein Stilleben fertig geworden, und man wußte allerseits nicht mehr recht, was tun. Wir gaben also wieder eine Soiree.

Annette Kolb
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2023-01-14

Темы

Short stories, German; German essays -- 20th century

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