Der Ewige Jude
August Vermeylen
Aus dem Flämischen übertragen von Anton Kippenberg
Mit zwölf Holzschnitten von Frans Masereel
Leipzig • im Insel-Verlag 1921
Zu der Zeit, da unser Herr und Heiland noch unter den Menschen predigte, lebte in einem armseligen Keller zu Jerusalem ein Schuhflicker, mit Namen Ahasverus. Er war im selben Jahre geboren wie Christus und war ein strammer, hochgewachsener Kerl von einem Juden, mit knochigem Gesicht und ein paar hellen, kecken Augen, in denen eine Flamme stak.
Er liebte es, mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehn, und was nicht gerade war, das nannte er krumm, ob er gleich wenig vom Reden hielt: jeder geht doch seinen eigenen Gang, dachte er, und der Tod ist aller Welt gegeben.
Dieser Ahasverus fühlte sich nicht glücklich.
In ihm war etwas, das ihm keine Ruhe ließ, da drinnen brannte etwas, womit er nirgend hin wußte; er war wie einer, der sich in seinem Bette hin und her wälzt und keinen Schlaf finden kann.
Vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er gebückt in seinem Keller, schnitt sein Leder, zog den Pechdraht, flickte Absätze, hämmerte auf Hacken und Sohle und schuftete, daß es bis zu den Nachbarn hin rauchte, aber niemals hörte er das süße Zischen von Butter in der Pfanne. Tagaus, tagein: es war immer so gewesen und würde immer so bleiben: er konnte nicht mehr heraus, das Leben hatte ihn beim Wickel und stieß ihn vorwärts.
Wohin? Dem Ende zu.
Warum? Darum.