Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Vierter Band
Einige Druckfehler sind korrigiert und mit popups notiert. Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil« und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russel« und »Russell« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die selbe Person handelt).
Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren, Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein solcher Mann war Bentinck.
Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente, welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern, besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ. Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war. Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde. Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit, seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.