C. F. Gellerts Sämmtliche Schriften / Zweyter Theil

Mit Königl. Preuß. allergnädigstem Privilegio.
Berlin und Stettin,
bey Joachim Pauli, 1772.
Wie selig lebt ein Mann, der seine Pflichten kennt, Und, seine Pflicht zu thun, aus Menschenliebe brennt, Der, wenn ihn auch kein Eid zum Dienst der Welt verbindet, Beruf, und Eid und Amt schon in sich selber findet! Ihm wird des andern Wohl sein eignes Himmelreich; Er fühlet meine Noth, als träf ihn selbst der Streich; Und das, was ihn beherrscht, ist ein gerecht Bestreben, So treu, als er sich lebt, der ganzen Welt zu leben. Das seine milde Hand dir Glück und Ruhe schafft, Ist kein erzwungner Trieb von deiner Thränen Kraft: Er sieht, du bist es werth, er sieht, er kann dir nützen, Und mehr, als du gehofft, wirst du durch ihn besitzen. Nicht macht er dich beglückt, daß du sein Sklave seyst, Und aus Erkenntlichkeit ihm dein Gewissen leihst, Und, weil er dein gedacht, ihm dich auf ewig schenkest, Und, wie er denkt und glaubt, auch mit ihm glaubst und denkest. Auch hilft dir nicht sein Herz nur bloß aus Weichlichkeit. Indem es jede Noth aus innrer Wollust scheut; Viel minder wird er dich mit seiner Gunst beglücken, Um, was er einmal that, dir zehnmal vorzurücken. Nicht darum wird dein Glück von seiner Huld vermehrt, Von seinem Arm beschützt, damit man öfters hört: »Ich hob ihn aus dem Staub in den beglückten Orden, Ich sprach: er werde groß, und er ist groß geworden.« Nein, wenn der Menschenfreund sich um dein Wohl bemüht: So glaub, er wartet nicht, bis es der Erdkreis sieht. Er bittet dich vielmehr die Wohlthat zu verschweigen; Gott und sein eignes Herz sind ihm die liebsten Zeugen. Kein Stolz noch Eigennutz wirkt seine Gütigkeit. Was die Natur befiehlt, was die Vernunft gebeut, Was dein Bedürfniß heischt, dieß reizet seine Triebe, Auch ohne Ruhm und Lohn, zu wahrer Menschenliebe. Nie hält er sich zu schwach, dir hülfreich beyzustehn; Sein Ansehn und sein Freund, sein Stand, sein Wohlergehn, Sind Mittel deines Glücks; und kann er nicht durch Thaten, So wird er durch Verstand, und durch Erfahrung rathen.

Christian Fürchtegott Gellert
Содержание

О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2007-07-28

Темы

German poetry -- 18th century; Christian poetry

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