Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen - Clementine Helm - Buch

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen

Eine Erzählung für junge Mädchen von Clementine Helm.
Zweiundzwanzigste Auflage.
Leipzig, Georg Wigand's Verlag. 1882.
Backfischchen's Leiden und Freuden.
Der Wagen war vorgefahren, Friedrich knallte mit der Peitsche und die Braunen stampften ungeduldig den Fußboden. Noch einmal lag ich Vater und Mutter weinend in den Armen, küßte noch einmal alle meine lieben Geschwister und reichte dem versammelten Gesinde die Hand zum Abschied; dann drückte ich mich schluchzend in die Ecke des Wagens, beugte mich jedoch sogleich wieder zum Fenster desselben hinaus, um mit dem feuchtgeweinten Taschentuche unzählige Abschiedsgrüße zurück zu winken. Nun fuhr der Wagen durch das Dorf, und aus allen Fenstern, von allen Thüren her tönten freundliche Grüße und Wünsche zu mir herüber, denn ich kannte ja alle Bewohner dieser friedlich kleinen Bauerhäuser, war allen mehr oder weniger nahe getreten während der glücklichen Kindheitstage, die ich hier in der Heimath verlebte. Und nun sollte ich fort von allem, was meinem Herzen bis jetzt das Liebste gewesen, fort von meinem Vaterhause und von dem schönsten Orte der Welt, meinem lieben Heimathsdorfe! Neben mir im Wagen saß eine sanfte, feine Frau von mittleren Jahren, deren mildes Gesicht graue Löckchen umgaben, unter denen zwei kluge dunkle Augen hervorblickten. Sie war es, die mich aus der Heimath hinweg führte nach ihrem stillen Hause in Berlin. Dorthin sollte das junge Backfischchen sie begleiten, um unter ihrem Schutze etwas von Welt und Leben kennen zu lernen. Diese milde Frau hieß Tante Ulrike und war die verwittwete Schwester meines Vaters, verehrt und geliebt von allen, die sie kannten.
Sie streichelte sanft meine Hand, die ich in meinem Schmerz in die ihre legte, und sprach so liebe Trostesworte zu mir, daß ich mich bald etwas beruhigte, denn an der Seite einer so lieben Gefährtin war ich gewiß nicht so verlassen, als es mir bisher erscheinen wollte.
Jetzt fuhr der Wagen einem Gehölz zu, das auf der Höhe sich weit hinzog, und noch einen letzten Blick sandte ich zurück nach meinem lieben Dorfe. Der Kirchthurm und die kleinen Bauerhäuser alle blickten mich so freundlich an, die grünen Fensterladen am Giebel unseres Hauses konnte ich noch ganz deutlich erkennen, mir war, als wehte von dort ein weißes Tuch herüber, und wehmüthig erwiderte ich den Gruß. Dann entzogen mir die Bäume neidisch alle weitere Aussicht, und ich hing still meinen Gedanken nach, in denen mich die Tante auch wenig störte.

Clementine Helm
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2015-01-24

Темы

Young women -- Conduct of life -- Juvenile fiction; Cousins -- Juvenile fiction; Aunts -- Juvenile fiction; Courtship -- Juvenile fiction

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