Lose Blätter: Neue Novellen
Neue Novellen von Doris Freiin von Spättgen.
Leipzig. Verlag von F. A. Berger. 1895.
Vor Nachdruck geschützt. Übersetzungsrecht vorbehalten.
W eit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden, so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen annimmt – dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen, deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude, im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.
Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen, hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).
Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den diese Villen auf den Fremden ausübten.