Der Mord am Polizeiagenten Blau
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD
BAND 3
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
VON EDUARD TRAUTNER
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN
Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist; nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.
Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute bekannt werden mag: – und dies berechtigt den Versuch, den Fall zu erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen, das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie begleitet.
– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß, Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und: wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!