Neue Novellen - Elise Polko

Neue Novellen

von
Elise Polko.
Leipzig, Verlag von Bernhard Schlicke. 1861.
»Dem Verfasser des Werkes: »Die Frauen in der Culturgeschichte« dem Oberbibliothekar und Hofrath Herrn Dr. G. Klemm widmet diese » Frauennovellen « in herzlicher Verehrung Elise Polko.
(Ein Skizzenblatt.)
(1860.)
»Euer Stück, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht übel, junger Freund«, ließ sich der hochberühmte und vielgelehrte Professor der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, während ein Anderer in bescheidener Haltung an der Thür des Studirzimmers stehen geblieben. »Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wüßte nichts Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur muß ich Euch offen gestehn, daß mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stück, und so gefällt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er »die Matrone zu Ephesus« benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten und Sätzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln aufgebaut, während Euer Stück ohne rechten Zaum und Zügel dahinläuft. Nun ist aber, meines Bedünkens, erst ein gesattelt und gezäumtes Roß zu Jedermanns Nutzen und Frommen da, während ein loslediges Füllen nur sich selber zum Vergnügen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die Meinung faßt, ich allein wolle mich zum Richter aufwerfen über Eure Geisteskinder, so mögt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis hochgebildeter Frauen und Männer versammeln, denen Ihr selbst Eure Stücke vorlesen könnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pünktlich hier!« –
Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem Schreibschemel, grüßte mit der Hand, herablassend wie ein Fürst die beiden Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu achten, zum Schreiben zurecht. – Die Thür des Arbeitszimmers schloß sich, und man hörte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die über das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zu schreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht haben als die Thür sich wieder leise öffnete und ein schöner Frauenkopf hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berühmten Mann, der sich so eben umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem Ausdruck großer Verwunderung fragte: »Ihr seid es, Victoria Adelgunde, – und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr?« – »Nichts!« lachte sie heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter legend, »ich komme nur um Euch Etwas zu fragen – aber werdet mir nicht böse ob der Störung.« –

Elise Polko
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2020-06-09

Темы

German fiction -- 19th century

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