Die Ströme des Namenlos
Roman von Emma Waiblinger
Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn 1921
Viertes bis fünftes Tausend
Copyright 1920 by Eugen Salzer Heilbronn
Carl Hammer, Hofbuchdruckerei Inh. Wilhelm Herget, Stuttgart
Ludwig und Dorle Finckh gewidmet
Es gibt Zeiten und Stunden und halbe Nächte, in denen ich immerfort über die Ehe meiner Eltern nachdenken muß. Und manchmal scheint mir, mein Leben sei, als es mir noch unbewußt war und in meiner Mutter beschlossen, schöner und mächtiger und reicher gewesen, als nachher, da ich es selbst lebte. Alles, was ich erfahre und erlebe, ist mir manchmal nur wie das Licht, das immer heller wird, womit ich das Dunkel und Heiligtum meines Elternhauses sehen kann; und mit jedem Jahr wird es mir klarer und deutlicher, wie traurig und verworren-schön meine Mutter mit dem Vater lebte.
Er war schwermütig und öfters, besonders gegen das Ende seines Lebens hin, geistig gestört. Er war von Jugend an so, galt aber in normalen Zeiten für einen begabten, strebsamen Menschen und lernte das Uhrmacherhandwerk, das ihn und seine Familie auch bis zu seinem Tod getreulich ernährte. Er hing mit seltsamer, zäher Zärtlichkeit an – seiner Kunst – hätte ich beinahe gesagt und redete stundenlang mit seinen Uhren, innig und leise, wie nie mit einem Menschen. Als er noch Geselle bei einem Meister in meiner Vaterstadt war, lernte er meine Mutter kennen, die im gleichen Haus als Dienstmagd in Stellung war. Es hängt in unserer oberen Stube ein Bild, das meine Mutter in diesen Jahren darstellt, und heute noch betrachte ich es oft erstaunt und freue mich darüber. Sie war groß und schön und sah sehr glücklich aus. Ihr Haar, das ich mir nie anders als schneeweiß vorstellen kann, war damals noch dunkelbraun und lief ihr weich ums Gesicht. Ihre Augen aber waren heller und glänzender als später, und sie hatte schöne, ganz rote, lächelnde Lippen. So sah sie wohl mein Vater, in dem geblümten Kleid und dem weißen Mädchenschurz, wie sie durch das Haus und über die Treppen lief wie das helle Licht, und er hatte sie lieb über seine Kraft. Er wollte sie heiraten, aber sie wies ihn ab. Da tat er das Arge, das ich heute noch nicht sagen kann, ohne mich zu schämen: auf der Bühne des Hauses hängte er sich auf. Die Leute fanden ihn, grauenhaft verzerrt und trugen ihn für tot weg. Man brachte ihn wieder zum Leben, und als er nach langen Wochen einer schweren Gemütskrankheit genas, kam eines Tages meine Mutter zu ihm und sagte, sie hätte ihn lieb und wolle ihn heiraten.