Der Gang nach der Himmelpforte
Wernigerode, 1851 In Commission bei F. Heinecke.
Druck von B. Angerstein.
»Väterchen, laß uns doch auch nach der Himmelpforte gehen!«
So sprach im Tone der innigsten Bitte die kleine Sophie, indem sie sich zärtlich an den Vater schmiegte und dessen erfaßte Hand küßte.
Der Vater kniff ihr leise in das runde rothe Bäckchen und erwiederte nach einigem Besinnen: »Nun ja, Schmeichelkätzchen, es mag geschehen!«
Kaum war das Wort verlautet, so zeigte ein sich erhebendes lautes Frohlocken an, mit welcher Freude die Einwilligung des Vaters nicht bloß von der kleinen Sophie, sondern auch von deren Geschwistern vernommen worden war. Diese hatten bis dahin am Fenster gestanden und mit Sehnsucht den Leuten nachgesehen, welche schon seit einigen Stunden vorüberzogen und von denen sich annehmen ließ, daß sie sämmtlich die Himmelpforte zu ihrem Ziel erwählt hatten. Denn es war heute das Fest der Himmelfahrt Christi, und der Besuch der sogenannten Himmelpforte am Nachmittage dieses Festes war eine altherkömmliche Sitte bei den Bewohnern der guten Stadt Wernigerode. Daß darüber manche den nachmittäglichen Gottesdienst versäumten, war gerade nicht nöthig und nicht löblich, denn die Himmelpforte lag so nahe bei der Stadt, daß zu ihrem Besuche auch nach der Kirche Zeit genug übrig blieb.
Als Vater Lehrwart, der selbst Prediger war, seinen Kindern die Erlaubnis zum Besuch der Himmelpforte ertheilte, war die Kirche schon aus und auch der Kaffee war schon getrunken. Es war halb drei Uhr Nachmittags. Die Leutchen, welche jetzt noch hinausgingen, schienen so große Eile zu haben, als fürchteten sie, mit jeder Minute etwas zu versäumen. Daher harrten auch die drei Kinder Lehrwart's, die sich in der größten Geschwindigkeit fertig gemacht hatten, mit Ungeduld des Augenblicks, wo ihre Tante Elisabeth, die sie begleiten wollte, gleichfalls bereit sein würde. Endlich war es so weit gekommen, daß nur noch zärtlicher Abschied vom Vater zu nehmen war. Aber, in welches Erstaunen und in welche Freude geriethen die Kinder bei der unerwarteten Erklärung des Vaters, er selbst wolle auch von der Gesellschaft sein! Man hüpfte vor Freude. Ernst sprang eilig treppauf, um des Vaters Hut herunterzuholen, während Louise seine Handschuhe und Sophie seinen Stab herbeibrachte. Wedelnd und bellend bezeugte der muntere Spitz seine Erwartung, auch mitgenommen zu werden, und kaum war die Hausthür geöffnet, als er schon zu wissen schien, wohin man sich wenden werde, und der Gesellschaft voran, spornstreichs aus dem nahen Thore hinauslief.