Der Erbe: Roman. Erster Band.

Roman von Friedrich Gerstäcker.
Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.
Erster Band.
Jena, Hermann Costenoble. 1867.
»Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzückend,« sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten Negligé zur Mutter in's Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem Tische stand. »Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm über den Boden hin und wird gar nicht einmal müde.«
»Nun, mein Kind,« erwiederte die Mutter, »ich kann Dir versichern, daß ich wenigstens müde geworden bin.«
»Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.«
»Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das Herumsitzen ist so schon arg genug – und nun auch noch diese schreckliche Räthin Frühbach neben mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr schlug und wir mit Ehren fort konnten.«
»Arme Mama – und ich habe mich so gut amüsirt!«
»Junges Blut,« nickte die Mutter; »aber trink' Deinen Kaffee, Kind, denn er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.«
Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der kleine Fuß klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der erst vor wenigen Stunden beendeten Tänze – ihre Gedanken waren noch entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen? War sie doch kaum zwanzig Jahr alt, in der Blüthe ihrer Jugend, und der Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich hervorleuchtete, sah nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf seinen Schatten auf der Zukunft Bahn.
Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner Tüchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes, und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges bekommen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich der fast übermäßig beschäftigte Vater hätte mehr um ihre Erziehung bekümmern können. Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter überlassen, die freilich nicht recht dazu paßte, ein junges Mädchen heranzubilden.

Friedrich Gerstäcker
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2014-08-09

Темы

German fiction -- 19th century

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