Kreuz und Quer, Erster Band / Neue gesammelte Erzählungen
Neue gesammelte Erzählungen von Friedrich Gerstäcker.
Erster Band.
Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1869.
In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstraße, stand der junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand eine groteske Figur in übermenschlicher Größe.
Es schien eine Art von Faun zu sein – ein nicht unschöner Kopf, aber mit gierig lüsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken – der nackt, nur mit einem breiten Gürtel von Weinlaub und – sonderbarer Weise Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein paar große Epauletten auf den bloßen Schultern trug, aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe auseinander zu brechen.
Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur beschäftigt, als sich, ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen blauen Mantels über die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen braunen Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete.
»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst Du denn da? ich glaube gar »den Teufel an die Wand.« Was fällt Dir denn ein?«
»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte der Angeredete, der kaum den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine kleine Aenderung kann da nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hörner und zwischen den Kartenblättern und dem Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken Haarbüschel versehener Schweif heraus.
»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten – gewissermaßen in Generals-Uniform bei großer Gala – die Idee ist nicht schlecht. Aber, Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder für einen Ständesaal zu entwerfen?«