Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen
Blätter aus dunklen Tagen von Gutti Alsen
1922 Im Wir Verlag · Berlin NW 87
Dem Andenken meiner Eltern!
Titelholzschnitt von Konrad Elert Alle Rechte vorbehalten Copyright 1922 by Wir Verlag, Berlin NW 87 Gedruckt 1921 in der Alt-Fraktur von Herrosé & Ziemsen, GmbH. & Co. in Wittenberg (Bez. Halle)
Wie seltsam dies alles war am Tage, der dieser Nacht voraufging! Und wie es mir jetzt, da ich den verfallenden Stimmen nachlausche, als ein gleichgestimmter Klang erscheint! Gell, schneidend, aufrührend! In blanker Frühe die Nachricht vom Ausbruch der Revolution. Tagsüber der schreiende Regensturm in den gekrümmten Gassen der alten Seestadt. Am wundgepeitschten Abend die Aufführung des gewalttätigen Stückes, dem die Menge zum Schluß wie in Besessenheit Beifall kreischte. Und endlich der Rausch der drei Jünglinge neben mir beim Heimweg im wehen Abendnovember!
Oft, im schleichenden Gehen der langen, unendlichen Jahre des Krieges hatte ich in Gedanke und Rede dem Wunsche Ausdruck gegeben, sie mögen ein Ende machen, die Soldaten aller Länder. Unpolitischer als ein halbwüchsiger Knabe, hatte ich mit diesem Anruf einer fremden Macht gespielt, wie ein geschlagenes Kind etwa, das, um straffrei zu bleiben, Kaiser zu werden bittet. Nun meiner Bitte Gewährung geschah, stehe ich diesem Zustand genau so verängstet, genau so hilflos gegenüber wie das Kind, dem kaiserliche Gewalt verliehen wäre.
Das also ist das Gesicht der Revolution am ersten Tage ihrer Geburt! Elf Mann, deren Namen unerforschbar blieben, hatten in vergangener Nacht die Herrschaft der Handelsstadt an sich genommen, kampflos, mit einer großartigen Selbstverständlichkeit. Die tags zuvor noch Gebieter des Volkes geheißen, waren zu Hunderten hingemäht, wie hohe Halme von einem einzigen Sichelschlag. Durch die nassen windigen Gassen aber brodelten den ganzen Tag die Stürze der Volksmassen, oder sie stauten sich an einem Platze um irgendeinen Redner, dessen Worte am Sturm zerbrachen. Jünglinge mit brennenden Augen und großen Gebärden gaben Freudenschreie in den Tumult. Flieger beschütteten die Menge in knappen Zwischenräumen mit weißen Blättern voll flammender Überschriften. Autos mit brandroten, klatschenden Fahnen trugen in toller Fahrt halbwüchsige Burschen an irgendein geheimnisschwangeres Ziel.
Gutti Alsen
Die Mutter
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1918.
Den 15. November 1918.
III.
Den 22. November 1918.
IV.
Den 2. Dezember 1918.
V.
Den 18. Dezember 1918.
VI.
Den 29. Dezember 1918.
VII.
Den 31. Dezember 1918.
Den 1. Januar 1919 abends.
VIII.
Den 20. Januar 1919.
IX.
Den 29. Januar 1919.
X.
Den 30. Januar 1919.
XI.
Den 16. Februar 1919.
XII.
Den 10. März 1919.
Den 20. März 1919.
XIV.
Den 9. April 1919.
XV.
Den 30. Mai 1919.
XVI.
Den 25. Juli 1919.
Den 30. Juli 1919.
XVIII.
Den 2. August 1919, am Morgen.
Den 2. zum 3. August 1919, in der Nacht.
Hinweise zur Transkription