Die Ausgrabungen der Universität von Pennsylvania im Bêl-Tempel zu Nippur
DIE AUSGRABUNGEN DER UNIVERSITÄT VON PENNSYLVANIA IM BÊL-TEMPEL ZU NIPPUR
EIN VORTRAG VON H. V. HILPRECHT WISSENSCHAFTLICHEM DIREKTOR UND VERANTWORTLICHEM HERAUSGEBER DER RESULTATE DER EXPEDITION
MIT 56 ABBILDUNGEN UND EINER KARTE
LEIPZIG J. C. HINRICHS’sche BUCHHANDLUNG 1903
Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten.
Das Land, in das ich Sie bitten möchte, mich heute abend kurz zu begleiten, ist Ihnen allen von Jugend auf aus dem Alten Testamente wohl bekannt. Es ist die kleine Alluvialebene südlich von Baghdâd, von den Stromläufen des Euphrat und Tigris begrenzt, der Sitz uralter Staatenbildungen. Von den einheimischen Keilschriftquellen wird es am gewöhnlichsten mit dem Doppelnamen Sumer und Akkad bezeichnet, doch uns allen geläufiger ist der klassische Name Babylonien . In der modernen Geographie heisst es ‘Irâq el-‘Arabî , während die arabische Bevölkerung es in ihrer eigenen graphischen Weise oft nur kurz als El-Ğezira , d. h. „die Insel‟, bezeichnet.
Es ist so recht eine Toteninsel, ein Land der Gräber und des Schweigens. Der ausgestreckte Arm Gottes lastet seit 2000 Jahren schwer auf dem unglücklichen Lande. Das Wort Jesaias: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefället, der du die Heiden schwächtest!‟ (Jesaia 14) klingt wie eine Totenklage durch Babylons zerbröckelnde Mauern, hallt wie das spottende Echo des prophetischen Fluches von den hingesunkenen Türmen und Tempeln Nuffar’s und Warkâ’s.
Durch die schönen methodischen Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft unter der vorzüglichen Leitung Dr. Koldeweys, durch die geplante Eisenbahn nach Baghdâd, und vor allem durch eine Reihe populärer Vorträge und Flugschriften ist das dem weiteren Publikum bislang ziemlich entrückt gewesene Babylonien plötzlich in das Zentrum öffentlichen Interesses auch in Deutschland getreten. „Babel und Bibel‟ und „Bibel und Babel‟ tritt dem Beschauer in jeder Buchhandlung entgegen; und es gilt fast für unwissenschaftlich und teilnahmslos, wenn man als Assyriologe von Fach nicht auch seinen Beitrag zu dem, was alle Gemüter bewegt, gibt. Man hat, wie so oft in der Geschichte, zwei vollständig getrennte Gebiete, Wissenschaft und Offenbarungsreligion, miteinander verquickt — man wird die Konsequenzen davon tragen müssen.