Der Totentanz
Vierzig Holzschnitte von Hans Holbein dem Jüngeren. Faksimile-Nachbildungen der ersten Ausgabe mit einer Einleitung von Hans Ganz
Holbein-Verlag, München
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.
Wo die Menschen bedrückt oder gequält werden, da antworten sie mit Hilferufen oder mit Taten. Die Totentänze, welche im Mittelalter an Friedhofsmauern und Kreuzgängen im Deutschen Reiche gemalt standen, waren die Hilferufe eines geknechteten Volkes, dessen weltliche Klassen unter dem harten Drucke Roms an Geld und Geist erpreßt wurden. Oft schon hatte der Papst den Bann gegen den Kaiser geschleudert, worauf die Gotteshäuser verstummten, der Segen der Sakramente aufhörte und jede Seelsorge dahinfiel. Aber auch Krieg, Erdbeben, Hungersnot und Seuche durchkreuzten das Land. Die Kirche selbst, welche die so erschütterten Menschen hätte aufrichten und festigen sollen, war innerlich zerfallen durch die allgemeine Sittenverderbnis der Geistlichkeit. In solch dumpfer Lebensluft, welche dem erfrischenden Gewitter der Reformation voranging, konnte kein seelischer Halt gedeihen und die Gedanken schienen sich im Anblick der Vergänglichkeit alles Irdischen zu sonnen und zu beruhigen, wenn dies die Furcht vor dem letzten Gerichte zuließ. Denn der Tod bedeutete für die Guten ein Ender und Erlöser elender Zustände, für die moralisch versinkenden aber eine fürchterliche Ungewißheit, die man durch Wohlleben zu betäuben suchte.
Verschiedene Niederschriften bürgen dafür, daß dem gemalten Todesreigen zeitlich die Schauspiele vorausgegangen sind. In Deutschland und Frankreich entstehend, drang die Dichtung nach Spanien, England und Italien ein und wurde unter der Regie der Prediger aufgeführt, welche die lebendigste Darstellungskunst dazu benutzten, das »Memento mori« jedermann eindringlich vor Augen zu halten und so die schwächeren Naturen zu beherrschen. Allmählich aber verschwinden diese Spiele, und im XV. Jahrhundert üben an ihrer Statt die Totentanzbilder ihre Wirkungen aus. Berühmt waren die Todesreigen von Paris (Danse macabre), von La Chaise-Dieu, von Lübeck, von Berlin und weithin bekannt auch diejenigen von Basel, welche die Mauern des Klosters Klingental und des Predigerstiftes schmückten. Nikolaus Manuel aber hatte als Erster in Bern einen Todesreigen geschaffen, in welchem stadtbekannte Bürger ihr eigenes Antlitz erkannten.