DIR: Gedichte
DIR GEDICHTE VON HEINRICH VOGELER WORPSWEDE.
ERSCHIENEN IM VERLAGE DER „INSEL“ BEI SCHUSTER UND LÖFFLER BERLIN
1899.
Herzallerliebste, denke mein, Wenn im Garten blühen die Blümelein, Wenn morgends der goldene Sonnenschein Schaut in Deine Fensterlein!
Dann musst Du hinab in den Garten gehn; Musst liebevoll nach den Blumen sehn. Manch Mägdlein liess sie traurig stehn, Sie mussten sterben und vergehn.
Wenn der Mond in hellen Silbernächten Steigt leise in Dein Kämmerlein, Wenn er spielt mit Deinen goldnen Flechten, Schaut in die Augen Dir hinein, Wenn er küsst Dein weiches Seidenhaar, Dann bringt er Dir meine Grüsse dar.
Ihr bunten Frühlingssänger zieht Über Wald und Haide mit meinem Lied! Du wilder, rasender Frühlingswind Grüss' in der Ferne mein goldiges Kind! Braus' über die weite Haide hin; Grüss' meine Herzenskönigin!
Blaue Hyazinthenblüthen Zittern leis im warmen Frühlingsduft. Wetterschwere, fahle Wolken Schwimmen träg in weisslich blauer Luft. Müde spielt die Frühlingssonne In dem grünenden Geäst, Nur die Amsel trägt geschäftig Reiser ins verborgne Nest. Langsam schleichen mir die Stunden, Leer stirbt mir der Tag dahin; – Ruhe glaubte ich gefunden, Da ich fern von Dir jetzt bin! –
Auf blankem Strom Zwischen Schilf und Ried Mein gleitender Kahn zur Haimath zieht. Die Sonne vergoldet zum letzten Mal Die Gräserspitzen im schweigenden Thal. Es athmen die Wiesen Blumenduft, Die Schwalbe badet in goldener Luft. Die Reiher ziehn in die Ferne. – Ach wenn ich mein Mädel im Arme hätt' Das Eiland dort würd' unser Hochzeitsbett; Bleichrote Schilfblumen hielten Wacht. Vor unsrer einsamen Märchenpracht Bis tief in die Nacht! Dann könnte die Welt in Trümmer gehn; Im Himmel würden die Sterne wir sehn In Seeligkeit mit ihnen untergehn Und auferstehn!
Hohe Blumen, steile Gräser Zittern leis im frühlingstrunknem Duft. Dämmernd schimmern Apfelblüthen In der hohen Abendluft. Golden kriecht die letzte Sonne Durch das wirre Baumgeäst Küsst zur Nacht die kleinen Blüthen, Küsst das kleine Finkennest.