Der Tempel: Roman
HERMYNIA ZUR MÜHLEN
ROMAN
V · I · V · A
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Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Schwarze Baumstämme ragen trostlos aus dem schmutziggrauen Schnee auf. Von den belebten Straßen klingeln gedämpft die Schlittenschellen herüber. Das Herdfeuer in der Küche der alten Frau Bernstein wirft blasse Lichtarabesken auf die schmierigen Wände, spielt auf dem Glas einer verblaßten Photographie, die einen Mann in Arrestantentracht darstellt, und läßt den Samowar aufblitzen wie Gold. Die großen Scheite knistern geheimnisvoll, der Samowar summt und treibt feine bläuliche Dampfwolken in die Höhe.
Die alte Jüdin sitzt vor dem Herd, neben ihr hockt auf dem Boden ein vierjähriges Knäblein, der kleine Moische. Die knochigen, abgearbeiteten Hände der Großmutter fahren liebkosend über das dichte schwarze Haar, und die müde alte Stimme erzählt, wohl zum hundertsten Mal, des kleinen Jungen Lieblingsgeschichte.
»Da die Fremden, Gott möge sie strafen, unseren herrlichen Tempel zerstört hatten, gab es unter den Frommen großes Weinen und Wehklagen, besonders ein gottliebender Jüngling namens Simon vermochte keinen Trost zu finden. Tag und Nacht strich er um die Stätte, wo der Tempel des Herrn gestanden, und weinte wie eine Mutter, die den einzigen Sohn verloren hat. Der Schmerz riß Furchen in seine Wangen und ließ sein Gebein verdorren, so daß er dahinschritt wie ein Greis, obgleich er noch jung an Jahren war. Seine Stimme ward heiser vom vielen Weinen, und er sprach mit niemand ein Wort, nicht mit Vater, noch Mutter, nicht mit Bruder, noch Schwester. Nur zum Ewigen schrie er auf aus der Nacht seiner Trauer und küßte den heiligen Boden, wo der Tempel gestanden hatte.
Nicht Trank, noch Speise wollte er genießen, und als drei Monde vergangen waren, war er so schwach geworden, daß er nicht mehr heimzugehen vermochte. Und er lag auf dem Hügel und rief nach dem Tod.
Hermynia Zur Mühlen
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DER TEMPEL
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
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