Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

INA SEIDEL
EIN LEBENSLAUF AUS DEM 18. JAHRHUNDERT
1922 VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS JENA
Einband, Titel und Vignetten zeichnete Alphons Wölfle
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Meiner Mutter und dem Andenken meines Vaters gewidmet


Hinterher dachte George freilich, es wäre besser gewesen, den Mund zu halten und die neu erworbene Kunstfertigkeit entweder schnell zu vergessen oder sie nur auszuüben, wenn „Er“ ferne war, — etwa wie das Schaukeln auf dem Wiesengatter, das George liebte und das „Er“ des Quietschens wegen streng verboten hatte. Aber wie hätte er, der kleine George, hier an üble Folgen denken sollen? Unbefangen führte er sein neues Können der Mutter vor, und Frau Justine mußte sich doch zu jemand aussprechen, der das Ereignis besser in seiner ganzen Erstaunlichkeit zu würdigen wußte, als der Wunderknabe selbst; dieser war nämlich in der Stunde der Offenbarung seiner selbsterworbenen Fähigkeit genau so rundäugig, gelassen und freundlich, wie vorher. Er hatte nun den Sinn der sonderbaren Bilder auf den breiten Rücken der dicken Schweinslederschwarten in Vaters Kabinett ergründet, — Bilder, die eigentlich keine Bilder waren, indem sie einzig nur sich selber glichen. Er kannte sie, seit er begonnen hatte, auf dem Fußboden herumzurutschen, er war ihren eigensinnigen Gestalten mit dem Fingerchen gefolgt und hatte Gemeinschaft mit ihnen gehabt, denn sie gefielen ihm und er war angenehm davon berührt, ihnen stets von neuem zu begegnen, wie sie sich gesellig zusammen anfanden, immer die gleichen, aber nach geheimen Gesetzen der Anziehung jedesmal anders gemischt. Etliche waren wie Tiere mit festgestemmten Beinen und steilgereckten Schwänzen; andere dickköpfig und menschlich; viele waren nur wie eine freundliche, erstaunte oder einladende Gebärde, eins war wie eine brennende Kerze und zwei von liebenswürdiger Brezelgestalt. Gewissen Lieblingen hatte er bald eigene zärtliche Namen verliehen, so gab es ein „Pilzchen“ und ein „Tönnchen“, ein „Kugelrund“ und einen „Butterkringel“ unter ihnen. In manchen Fällen bildeten sie Familien mit einem Vater oder einer Mutter an der Spitze und einer Schar angereihter kleiner Kinder im Gefolge, die dann alle einzeln benannt werden mußten. Einen liebte er gar nicht, einen bösen Zickzack, der ihn anzuzischen und ihm ins Gesicht zu springen schien, der hieß „Zetermordio“, — wie konnte er anders heißen? Dies war das Wort voll Angst. Allen aber wohnte eine seltsame Gewalt inne, der das weiche Gehirn des Knaben willig erlag, der Wucht nicht widerstrebend, mit der sie sich ihm einstampften. Dann kam er dahinter, daß auch die großen Leute Beziehungen zu diesen Gestalten hatten, die da in Schwarz oder Gold so regungslos verharrten und doch bedeutungsvoller schienen als die blanken Nägelköpfe an Vaters Lehnstuhl, oder die Tressen an seinem eigenen Sonntagsröckchen, oder die Mundtasse der Mutter, — denn auch diese Dinge, wie alles in der Welt, hatten ihr eigenes Gesicht. Ja, der Vater wußte ebenfalls Namen für Pilzchen und Tönnchen, er redete Pilzchen mit T an, und Tönnchen mit U, zu Kugelrund sagte er O, und B zu Butterkringel. So ging es fort und war des Aufmerkens wert, wie alles, was die große Stimme dieses Vaters über den kleinen Kopf des Sohnes hindröhnte, — wenn George sich auch seine eigenen Bezeichnungen vorbehielt, ohne viel Geschrei darum zu machen. Immerhin lehrte ihn der Vater nach seinem Verfahren ein neues erheiterndes Spiel, indem er ihm an einem Winterabend einen ganzen Aufmarsch der stummen Freunde auf ein Blatt Papier malte, einen nach dem anderen deutlich benennend und diese Namen, an und für sich nichts auf der Welt bedeutend als sich selbst, mit seiner Stimme verbindend und zusammenziehend, daß sie plötzlich nicht mehr da waren, untergegangen in einem Neuen, einem Wort, einem ganz bekannten Wort, — einem Menschennamen: George! Der nächste Aufmarsch in dieser besonderen Weise aufgerufen ergab Forster und in der Folgezeit saß der kleine George Forster manchmal grübelnd über dem Blatt, das er in seine Schatzecke geschleppt hatte, wo er alles aufbewahrte, was ihm irgend belangvoll erschien, neben Kastanien und Schneckenhäusern auch mancherlei Abfälle vom Schreibtisch seines großen Vaters, abgenutzte Gänsekiele, winzige Stückchen Siegelwachs und leider auch einen Schlüssel, von dem er wohl wissen konnte, daß sein Erzeuger mindestens ebensoviel Wert auf seinen Besitz legte, als er selber, denn er hatte der Suche nach diesem Gegenstand, die in ein verzweifeltes Familienspiel ausgeartet war, mit nachdenklich in den Mund versenkten Daumen beigewohnt. Durch fortwährend wiederholte Vertiefung in die aufgemalte Zauberformel, — durch unwillkürliches Vergleichen mit anderen Buchstabenreihen, — auf dem Wege unermüdlichen blinden Herumtastens des führerlosen zarten Geistes, — unerklärlich im letzten Grunde, — war es auf einmal reif gewesen, das Wunder, und George, noch nicht fünf Jahre alt und in seinem roten Kittelchen auf dem Schemel zu Frau Justinens Füßen sitzend, las seiner Mutter aus einem zu Boden gefallenen Buch einen Satz vor, eine Zeile, die sich in seiner ungeschickten Betonung für immer in das Gedächtnis der Frau einprägte:

Ina Seidel
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2015-01-11

Темы

Forster, Georg, 1754-1794 -- Fiction

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