Was ich geschaut: Novellen
Novellen von Irma von Troll-Borostyání.
Wien. Pest. Leipzig. A. Hartleben's Verlag.
Alle Rechte vorbehalten. — K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall – eine hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels – ein sehr bedenklicher sei.
Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die Arznei zu verabreichen.
Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.