Der niegeküßte Mund: Drei Erzählungen
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Schon von ferne sieht man den gelben, alten, fünfeckigen Turm mit seinem dunklen Ziegeldach, das einer Nachthaube gleicht. Er schließt eine breite, stille Straße mit seltsam regelmäßigen Häusern ab, die sich wie Zierrat ausnehmen. Mit seinem Torbogen scheint er auf den gebrechlichen Schultern zweier Häuser zu stehen; das eine ist die Wirtschaft zum lustigen Pfeifer, das andere gehört dem Doktor Maspero. Die Straße setzt sich verengert bis zum Marktplatz fort, welcher den Eindruck eines städtischen Mittelpunkts macht. Viele ruhige Gassen und Gäßchen zweigen von da ab: zum Schießanger, zur Altmühlbrücke, zur Kirche, und ein ganz schmaler Gang zwischen der Apotheke und dem Bezirksamt zur jüdischen Synagoge, einem lustigen Bau aus rotem Backstein, gekrönt von zwei dickbäuchigen Kuppeln. Ringsherum zieht sich ein weitläufiger Obstgarten, der den Tempelvorhof gegen die Straße frei läßt. Aber diese Straße hat nur noch ein einziges Stirngebäude, eingeklemmt zwischen uraltem Häusergerümpel, doch nicht minder alt und nicht minder baufällig: das Schulhaus. Sechsundsechzig Kinder, Knaben und Mädchen, werden hier täglich von Herrn Philipp Unruh in die Geheimnisse des Alphabets und der Arithmetik eingeführt.
Es gibt Namen und Namen. Manche sind ihrem Besitzer wie aus dem Wesen geschnitten, manche passen zu ihm wie etwa die Synagoge zum Obstgarten. Ein solcher Obstgarten, um den Vergleich müde zu machen, war der Name jenes Lehrers. Er selbst und der Kreis seines Daseins waren voller Ruhe. Die kleine Stadt lag unter dem Horizont der Ereignisse. Die Leute von Gunzenhausen verrichteten ihre Geschäfte bei Tage und schliefen in der Nacht und von eisernen Gesetzen wurden die Stunden geregelt. Uhren und Kalender hatten nur einen äußerlichen Wert. Die Glocke schlug, aber was sie schlug, brauchte an keines Hörers Ohr zu tönen. Die Zeit ging, wie sie seit Ewigkeiten gegangen war, aber wohin sie ging, gab keinem Verstand ein Rätsel. Nur die Eisenbahnzüge, die das friedliche Altmühltal hinab- und hinaufrollten, brachten einen Duft von Welt mit, von Geschehnissen, vom Wandel der Dinge, von den traurigen und heiteren Spielen, die in den Ländern vor sich gehen, welche eingespannt liegen zwischen den Ozeanen.
Jakob Wassermann
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Der niegeküßte Mund
Drei Erzählungen von
Jakob Wassermann
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Bekenntnisse eines Offiziers
Dritte Reihe
Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane
Die Juden von Zirndorf.
Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.
Der Moloch.
Der niegeküßte Mund – Hilperich.
Alexander in Babylon.
Die Schwestern.
Die Masken Erwin Reiners.