Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen - Jakob Wassermann

Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen

Erste bis zehnte Auflage Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1920 S. Fischer, Verlag



An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst eher als Vorgang und Ereignis.

Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und gegen ein lockendes Ziel trieben.
Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und sie gänzlich leer findet.
Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen; was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.

Jakob Wassermann
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2006-06-11

Темы

Germany -- Fiction; London (England) -- Fiction; Russia -- Fiction; Europe, Eastern -- Fiction

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