Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 3 / Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers
Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten
Dritter Band
Sechste Auflage
Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers
In drei Bänden
Dritter Band
Egon Fleischel & Co. Berlin 1916
Die immer näher heranrückende Zeit der Vermählung Napoleons mit Marie Louise, zu der man alle möglichen Vorbereitungen machte, ließ schnell die Geschichte unseres Totenmahles sowie alle anderen Dinge ins Meer der Vergessenheit sinken; die erwartete neue Kaiserin nahm wenigstens auf einige Zeit alle Aufmerksamkeit der guten Pariser in Anspruch. Man hörte an allen öffentlichen Orten sowie in den Familien nur noch von dieser reden und erzählte sich die seltsamsten Dinge und Märchen, ihre Person, ihre Erziehung, ihre Talente, ihren Geist und so weiter betreffend, und es gibt fast keine Abgeschmacktheit, die man nicht zugunsten der jungen Erzherzogin erfunden und in Umlauf gebracht hätte. Bald sollte sie keine drei zählen, bald für sechse essen können, sich nur in Milch baden, nur Mehlspeise und Gebackenes zu sich nehmen; auch wollte man durchaus nicht gestatten, daß Kaiser Franz ihr wirklicher Vater sei, und war so freigebig, ihr wenigstens ein halbes Hundert verschiedener Väter anzudichten: der eine machte einen Baron Braun, der andere gar einen Daun dazu! Auch über ihre Gestalt, ihren Wuchs, ihre Züge, ihren Anzug, ihre Toilette, ihre Haltung setzte man die lächerlichsten Dinge in Umlauf, erfand Hunderte von Anekdoten, die sich an Unwahrscheinlichkeit und Absurditäten überboten, und stellte Vergleiche zwischen ihr und Josephinen an, die natürlich immer zum Vorteil der letzteren ausfielen. Endlich kamen die bei alldem von den Parisern herbeigewünschten Tage, an welchen die neue Kaiserin durch ihr Erscheinen die Neugierde des ungeduldigen Volkes befriedigen sollte. Napoleon war ihr in Murats Begleitung, der sich auch schon eingefunden hatte, bis Compiègne entgegengegangen. Nach dem bekannt gemachten Programm sollte die erste Zusammenkunft in dem mittelsten der drei Zelte, die zu diesem Zweck auf dem Weg nach Compiègne aufgeschlagen waren, stattfinden. Das Programm schrieb vor, daß beide Majestäten zu gleicher Zeit von zwei entgegengesetzten Seiten in das mittlere Zelt treten, Marie Louise aber vor ihrem Gatten niederknien, der sie jedoch sogleich aufheben und umarmen würde, worauf sich beide niedersetzen sollten. Aber Napoleons Ungeduld machte alle von ihm selbst vorgeschriebenen Zeremonien und Etikette überflüssig, indem er ganz inkognito in seinem grauen Überrock das Schloß von Compiègne durch eine kleine Pforte verließ, sich in eine unansehnliche Kalesche warf und in dem Augenblick zu Courcelles ankam, als die Kuriere der jungen Kaiserin die Pferde bestellten. Hier stellte er sich, da es heftig regnete, unter die Halle einer Kirche, und als die Wagen der Ersehnten ankamen und man die Pferde wechselte, lief er an den Schlag der Kutsche, in der Marie Louise saß, öffnete denselben, stieg schnell ein, fiel seiner jungen, höchst erstaunten Gattin um den Hals und fuhr mit ihr zusammen nach Compiègne zurück, wo er, wie man allgemein versicherte, die Nacht als Ehemann mit ihr zubrachte. Am anderen Tag ließ er um Mittag das Frühstück vor dem Bett der sehr müden Kaiserin servieren. Als dies zu Paris bekannt wurde, fand man es sehr genial. Viele Personen waren dem hohen Paar entgegengefahren, auch ich war bis an die Grenze des Departements der Seine geritten, wo dasselbe von dem Präfekten und den Autoritäten des Departements empfangen und bekomplimentiert wurde. Den Fürsten Y. hatte das Podagra wieder an das Bett gefesselt.