Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

Zweiter Teil
Versuche in Prosa
Berlin Hyperionverlag 1914
Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig. Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf Old Stratford abgezogen und in der Presse numeriert
Hymne / Fragmentarisch
Möge es mir gelingen, — zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren Zielen zu! — möge es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und begnügsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, erstaunter, heiterer zu stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! Mit hellen Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit reichlich bunten und verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. Hört! . . . Ach!
Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten Fressen wie zum Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler auf, wie vor der Jahrmarktsbude eines fremdländischen Wunders, — bin ich denn gar so ein Scheusal, ein zerfressenes Gerippe! — die dreckigen Hände in den nassen Hosentaschen, Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder gelangweilt und ermüdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch nicht mehr als eine mehr oder minder mißverstandene spaßige oder gruselige Abendunterhaltung, während welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern unter die Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch — so: ein eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier — gewärtigen, daß einer von euch plötzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer sauberen Genossenschaft
mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer rücklings den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr empört und im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet, bald zu plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzürnt die Fäuste hebt! . . . So hört! Ich singe euch vor meinem endgültigen Abschied noch das religiöse Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische und mystisch verklärte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume. Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch vorüber in einem bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden, der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, schon als Knabe wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich alles im Stiche ließ und um keinen Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst meiner letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in der Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlöse.

Johannes Robert Becher
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2011-09-15

Темы

German fiction

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