In Memoriam Ernst Stadler
Heute weiß ich nichts mehr von seinem Gesicht. Schmerz und Tränen haben es hinweggeschwemmt. Ich kann die Züge nicht mehr zusammenbringen. Sturm geht über die Dächer meiner Stadt und würgt die letzte Brut der Blätter im Gebüsch.
Gestern Abend kam der Schlag und hieb zu.
Gestern Abend kam dein Sterben über den dunklen Flur zu mir herauf.
Ich hatte, als die Anzeige bei mir war, die Lampe gelöscht. Und nun war nichts in meinem Zimmer als dein Tod.
Da sah ich dein Gesicht: der schmale Kopf, ein wenig vorgebeugt, die schöne Stirn mit knapp hineingescheitelt dunklem Haar, der Mund bitter und froh, der die Worte nach den Seiten hinunterstreute und dem Sprechen etwas wie leises Schlürfen gab, und dann der Augen vergeblicher Versuch, den nervösen Vorhang des Gesichtes zu durchbrechen.
Heute weiß ich nichts mehr von diesem Gesicht. Schmerz und Tränen haben es hinweggeschwemmt. Ich bin erschüttert und traurig allein in meinem Haus.
Die dünne Scheibe von zwei Tagen lag noch vor dem Krieg, als ich in sein Haus kam nach einem wilden Morgengang durch die Gärten seiner und meiner Stadt Straßburg. Noch liegt die kleine Karte mit seinem Namen vor mir, noch zittert die schmale Handschrift seiner Einladung auf dem kalten Weiß: Sleidanstraße 27, eine Straße voll Sonne, eine der letzten Barrieren der Stadt vor der entfesselten Süßigkeit der Orangerie.
Auf der Treppe ein Mädchen, das fragt: „Wissen Sie Bescheid?“ Dann der Gang, die Biegung, sein Zimmer mit Büchern, Säbel, halbgepackte Koffer, sein rascher Hereintritt, der schlanke Körper geschnellt, von vielen Spannungen überflutet . . . . — wie dieses Unscheinbare unvergeßlich ist und aus der Zufälligkeit zurücktaucht in ein umschlossenes Sein. O es ist grausam, wie jedes Wort, wie jede Bewegung in unendliche Beziehungen zusammengefaßt nun vorüberzieht und seltsam schmerzt. Wie ist seine Stimme so nah jetzt, ein Deuten zum Fenster, zufälliges Streichen der Hand übers Haar . . . — und doch nur unfaßliche Leere, an der Zorn und Tränen grenzenlos zerbrechen.