Die Osternacht. Zweite Abtheilung - Leopold Schefer

Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Die Osternacht.
Zweite Abtheilung.
Sinnwort:
Soldatenfreuden
Sind Menschenleiden.
Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet.
Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend.
Ach, daß die nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser, Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann Feuer und Elend.
Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit belehrender Geberde fort, die da kommen, das sind gar wundersame Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen — einem Pferdekopf, der sehr klug ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten und liebes Brod von den Tischen — und einem Menschenkopf mit einem Bart wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! — Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz sagt, Johannes!
Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem Gewitter, das still heraufzieht.
— Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend Jahren zu sehen! — seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben — und der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm, so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder rein sein — wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen, und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde wieder gangbar ist? — Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so hätte ich gesagt: Verzeih’ mir’s Gott! er gefreut mich nicht; — es sind gar zu viel Menschen ersoffen, denen er — Frieden bedeutet! Das sind nur die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen, ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn ganze Korporationen in und am corpore — dem corpus delicti — leiden, das ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen, Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe Christel. Die Kinder Gottes leiden! Von jeher, und noch wie lange, weiß Niemand! Und die Herren denken: haben sie so lange gelitten, mögen die paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn sie bleiben es doch. Aber — Wecker bleibt Wecker!

Leopold Schefer
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2012-08-18

Темы

Germany -- Fiction; Floods -- Fiction

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