Die Liebesbriefe der Marquise
The Project Gutenberg eBook, Die Liebesbriefe der Marquise, by Lily Braun
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Die ersten einhundert Exemplare dieses Werkes wurden auf Zanders-Bütten abgezogen und handschriftlich numeriert. Der Preis eines Exemplars dieser Liebhaberausgabe mit Titel in Kupferstich und in kostbarem, handgearbeiteten Lederband von E.A. Enders nach Entwurf von W. Tiemann beträgt 30 M.
LILY BRAUN
DIE LIEBESBRIEFE DER MARQUISE
ALBERT LANGEN/MÜNCHEN
Copyright 1912 by Albert Langen, München
Wenn die alte Gräfin Laval, in ihrem tiefen Lehnstuhl behaglich zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter, mit einem vielsagendem Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets, eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut, – ob aus Ärger, ob aus Verlegenheit? –, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.
Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen Bitten und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der lachende Geist des Rokoko – halb Liebesgott, halb Faun – hatte seine Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89 getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider, klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, – das war ihre Geschichte.