Amoralische Fabeln
Lisa Wenger
Mit Zeichnungen von Carl O. Petersen Grethlein & Co. / Zürich und Leipzig
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Copyright 1920 by Grethlein & Co., Zürich
E in junges Schaf lief an der Seite des Böckleins glücklich über die Wiese. Es schmiegte seine feuchte Schnauze dicht an die Nase seines Gefährten, und die Löcklein ihrer weichen, wolligen Felle kräuselten sich ineinander. Das gefiel dem Schäflein, das neben seiner Mutter graste.
»Frau Mutter, ich will auch heiraten,« sagte es, »heiraten ist ein schönes Ding!« Bedächtig sah das Schaf auf sein Junges.
»Wie man's nimmt,« sagte es, »aber schön, oder nicht schön, ein wohlerzogenes Schäfchen sagt nie, daß es gerne heiraten möchte.«
»Frau Mutter, ich denke es aber!«
»Denke es so viel du willst, Schäfchen, aber sag es nicht. Als ich jung war, wäre es keinem von uns eingefallen, vom Heiraten zu reden.«
»Aber geheiratet habt ihr doch alle.«
»Natürlich! Selbstverständlich! Aber das ist etwas anderes als davon reden.« Eine alte Ziege hatte zugehört.
»Die Jugend von heute ist überhaupt schamlos,« sagte sie. »Da habe ich neulich erleben müssen, daß zwei halbwüchsige Ziegen von ihren zukünftigen Jungen sprachen!«
»Ja, darf man das auch nicht?« fragte das Schäflein, »darum heiratet man ja eben, um Junge zu kriegen.«