Der Rebell: Novelle

1921
München Roland-Verlag Dr. Albert Mundt
Geschrieben im Winter 1917 für H. S.
Als Robert Boor aus Lazarett und Waffendienst endlich entlassen sich wieder in den Fluß seiner Studienjahre schmiegen wollte, merkte er, daß er, wie auch viele andere, mit vergangener Zeit keinen Zusammenhang fand. Seine Erinnerungen schienen ihm verstaubt. Die Liebschaften junger Scholarensemester in Frankreich und in der Schweiz, einst die Quelle von friedlich lebenden Kameraden bewundernd gehörter Abenteuer, kamen ihm wie in süßlichrosa gebundene Dumasprosa vor. Die Debatten in Weinstuben und Klublokalen hallten ein leeres Echo. Halb von Begeisterungszunder verkohlte Taten ragten als verkrüppelte Wegweiser auf durchschrittenem Pfad. So hatte er nichts, was ihm wert genug schien, daß er es fortsetzte. Kurz entschlossen verkaufte er seine schöne Bibliothek, zu der er oft des Nachts in der Qual seiner Gedanken geflohen war, und trat in ein Bankgeschäft ein.

Ruhig saß es sich hinter den großen, blanken Scheiben. Untergeordnete Arbeit verlangte nur Sorgfalt und Geduld. Es war ihm Ärgstes, wenn, hatte er schon einen Listenbogen vollendet, am Schlusse das Lineal abrutschte und der unregelmäßige Strich die Seite verdarb. Herr Stollweg hörte mißbilligend Roberts Seufzer. Sagte aber nichts, sondern bog sogar manchmal begütigend den Kopf zur Seite, als suche er dort etwas.

Des Morgens lagen die Mappen, in denen er An- und Verkäufe von Wertpapieren zu registrieren hatte, auf seinem Platz. Wenn er abends gegangen war, holte sie ein Bote und brachte sie in die Buchhalterei. Alles ging in der weiten Halle,
die von einer breiten Straßenfront helles Licht erhielt, gemessen und abgetönt zu. Die Kunden kamen und sprachen leise, mit vornehmen Gesten; selbst die erst kürzlich in diese Gesellschaftsklassen Arrivierten dämpften Stimme und eckige Gebärde, wenn sich die Prokuristen mit leisem Klingeln echt goldenen Armbands verbindlich zu ihnen neigten. Der Schallfänger an der Tür verschluckte in seinem Filz andrängendes Geräusch des Fahrdammes. Einmal, erinnerte sich Robert, war ein Postbote auf der Schwelle stehen geblieben. Da war das Weinen eines Kindes, dünn und spitz, hereingeflattert, hatte sich in die vernickelten Deckenbirnen gehängt und war dann in trostlosem Trillern über die erstaunten Beamten gestürzt. Alle hatten gelauscht. Sogar die Schreibmaschinendamen hatten hilflos schon zum Druck gebogene Finger entspannt. Dann war’s vorbei. Und schwer strömte die Stille weiter über Blätterrascheln und unterdrückten Husten.

Manfred George
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О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2012-03-13

Темы

Fiction

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