Novellen: Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn
The Project Gutenberg eBook, Novellen, by Melchior Meyr
von
Melchior Meyr.
Stuttgart.
Cotta’scher Verlag.
1863.
Buchdruckerei der J. G. Cotta’schen Buchhandlung in Stuttgart und Augsburg.
An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man das „Passagiergut“ zurück erhielt.
Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.
Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in’s Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half, einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.