Schwarz-Weiß-Rot: Grotesken

MIT ZWEI ZEICHNUNGEN VON L. MEIDNER
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1916
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. September 1916 als einunddreißigster Band der Bücherei »Der jüngste Tag«
COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
ES ist im höchsten Grade ominös, daß Deutschland ganz buchstäblich Goethes Farben trägt, nämlich außer den Extremen aller Farben, Weiß und Schwarz, gerade Rot, die Farbe aller Farben im Sinne Goethes; und daß Goethe mit dieser seiner Farbenauffassung seit mehr als einem Jahrhundert so vergeblich gerade gegen England , nämlich gegen den lichtverfinsternden Farbenlehrer Isaac Newton kämpft, welcher in einer jede Treue des deutschen Goetheauges verletzenden Art unglaublich falsch Farbe bekennt.
Längst würde die deutsche Wissenschaft den farbenblinden Engländer mit Goetheschen Waffen niedergestreckt haben, wenn dieser sich nicht auf der Insel Mathematik mit scheinbarer Unüberwindlichkeit verbollwerkt hätte und von dorther seit über 200 Jahren die Welt aller Farben despotisch brutalisierte. Dieser Engländer lehrt messen und rechnen: aber Goethe lehrt sehen ! Und man soll doch erst sehen lernen, bevor man zählt und mißt, was man sieht. Es ist sehr charakteristisch für den Engländer, daß er sich verrechnen muß, weil er mit seiner Rechenkunst zu voreilig ist — und sollte auch Jahrhunderte lang die scheinbare Präzision seiner Rechnung den falschesten Postenansatz verdecken. Goethe wird hoffentlich mit Deutschland so mitsiegen, daß Deutschlands Schulkinder sehr bald über die englischen Farben lachen lernen, die angeblich im Lichte stecken, während sie sich für jedes deutsche, d. h. Goethesche, also gesunde Auge ganz offenbar aus Finsternis und Licht, aus Schwarz und Weiß also, erzeugen und im Rot das liebste Kind dieser Eltern haben:
„Es stammen ihrer sechs Geschwister
Von einem wundersamen Paar “
sagte bereits Schiller vor Goethe. Ein großer Rechenmeister war dieser englische Fürst der Geister, Newton. Aber er hat ausgespielt, wenn Deutschland auf preußische Manier und mit Goethes Augen Schwarz-Weiß sehen lernt: es wird sich dann das Rot noch göttlicher herausrechnen, wenn es erst sieht , daß dieses freudig errötende Grau zwischen Schwarz und Weiß so wenig aus dem Lichte allein stammt wie das preußisch nüchterne, das ja ganz unverkennbar eine Mischung aus Schwarz und Weiß ist. Laßt Euch doch nicht von englisch perfekter Rechenkunst betören, die auf Lug und Trug, auf Augentäuschung beruht, und führt Eure Farben auch zum Sieg deutscher Gründlichkeit unter dem Farben-Generalfeldmarschall Goethe, diesem Über-Hindenburg aller Farbenlehre!

Mynona
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2013-11-24

Темы

Goethe, Johann Wolfgang von, 1749-1832 -- Miscellanea

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