Der Kalendermann vom Veitsberg: Eine Erzählung für das Volk

Sehet an, lieben Brüder, euren Beruf. Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist; auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme. (1. Korinter 1, 26-29.)
Wenn in unsern Tagen ein junger Mann sein Studium oder sein Handwerk gelernt hat, wenn er auch seine Wartezeit hinter sich hat, wenn er draußen gewesen ist in der Welt mit dem Reisebündel auf dem Rücken, und er kehrt zur lieben Heimath wieder, wer will's ihm verargen, daß er dann nach dem Plätzchen sich umsieht, wo er sein Haus bauen und sein Geschäft treiben, und manchen stillen Herzenswunsch befriedigen kann? Und unsere Zeit ist eine gütige Mutter, für alle Wünsche ihrer Kinder hat sie auch die Erfüllung; sie weiß Mittel und Rath, und wer es anders nur klug angreift, der findet auch Haus und Brod. Ueberall wächst die Bevölkerung, aber mit ihr auch die Klugheit, der Erde ihr Gewächs abzugewinnen, daß es den Tausenden nicht an Brod fehle, und überall auch der Kunstfleiß, der Neues schaffet und das Alte verbessert. Hätten wir vor hundert Jahren gelebt und könnten einmal wieder unsere alte Heimath besuchen; sähen wir da die Länder mit Straßen durchzogen, die wüsten Stellen in fruchtbare Aecker umgewandelt, die Sümpfe ausgetrocknet und die Eisenbahnen im Flug die Menschen zu einander führen; sähen wir in Städten und Dörfern das Volk sich wie in einem Ameisenhaufen durcheinander winden; wir würden uns wie Träumende vorkommen, und die Heimath nicht wieder erkennen.
Denn an's Wunderbare gränzt der Fortschritt, den unsere Zeit vor den früheren gemacht hat, unsere Zeit, die so Vielen nicht gefallen will. Manchen gefällt sie nicht,
weil sie nicht schnell genug geht, weil der junge Mensch, der mit hoffendem Herzen in sie hineintritt, nicht seine Zeit, oder vielmehr Gottes Zeit mit ihm, abwarten kann, und murret und klagt, daß ihm nicht schnell genug geholfen werde.

O. Glaubrecht
О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2005-05-03

Темы

Christian life -- Fiction; Hessen (Hesse, Germany : Province) -- Fiction

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