Semper der Jüngling
Von demselben Verfasser erschien im gleichen Verlage:
Asmus Sempers Jugendland
Der Roman einer Kindheit
86. bis 100. Tausend
Brosch. M 3.50, geb. M. 4.50 100. Tausend Jubiläumsausgabe in Leder geb. M. 10.–
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten Published on the 19 th of March 1908. Privilege of copyright in the United States of North America reserved under the act approved March 3, 1905, by Otto Ernst.
Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte Der Schlaf hervor. Schon raunte mir die ersten, leisen Worte Der Traum ins Ohr. Da klang von nahen Zweigen Ein tiefer Freudenschall Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume Im Traum, im Traum. Nur fern, o fern, durch mitternächt’gen Bäume Ein lichter Saum. Doch horch: von jenen Röten Ein süß geheimer Hall, Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! In meinen Traum sang eine Nachtigall.
Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme Von je erklang Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme Voll Hoffnung sang. Ein Land des Lichtes träumen Wir armen Seelen all! Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: In meinen Traum singt eine Nachtigall.
Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.
Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe Wunder sollt’ er nun begreifen: