Yvonne Müller

Man sieht, Yvonne spricht programmatisch und etwas preziös (Isolement), sie kokettiert ein ganz klein wenig mit, wie sie sagt, „einer eigentümlichen, wenig beneidenswerten, wenn auch in mancher Hinsicht privilegierten Lage,“ und sie ist sich doch bewußt, die beiden Völker besser zu verstehen als andere, und tapfer schließt sie: „Menschen wie ich sollten nicht totgeschwiegen, sondern konsultiert werden.“
Lassen wir Yvonne und kehren wir zu Annette zurück. Man sollte sie in der Tat konsultieren. Zwar ist das neulich, sogar in Dresden, geschehen, und da war Annette wohl etwas ungeschickt: sie stellte sich einem in Kriegszeit besonders empfindlichen Publikum zu direkt als Halbfranzösin vor, und ein aufgebrachter Kritiker ging so weit, von ihrem kleinen Unglück zu sprechen, das wohl für sie, nicht aber für bange deutsche Mütter, Gattinnen und Väter tragisch sei. Dieser Versuch einer Konsultation also verunglückte — um so empfehlenswerter ist es, sich an das Buch zu halten.
Denn hier enthüllt sich eine merkwürdige und interessante Persönlichkeit, nicht indem sie erklärt, ich bin dies und das und ich leide, sondern sie läßt sich reizvoll suchen und ahnen, und die Rassenkreuzung hat wieder einmal Geist und Talent hervorgebracht. Wie hübsch, elegant, diskret, leise ironisch, hingehaucht humorvoll Annette Kolb von ihrer Seele erzählen kann, bewies ihr Roman „das Exemplar“; hier in den Aufsätzen berichtet sie von ihren Ideen und Forderungen. In deren Mittelpunkt steht das Politische. Als Französin hat sie den politischen Sinn. Ihn zu definieren ist nicht meine Aufgabe, nur so viel, er ist ein wahres Genie für das Reale, Erreichbare, im nächsten Augenblick Notwendige, gepaart mit dem Sinn für Feinheit und rassenhafte Nuance. Der politisierende Franzose ist nicht für das Sprunghafte, sondern für das geschmeidige Einbohren, und sein Handwerk ist nicht eine Aufgabe, die von außen an ihn herantritt, sondern die er als eigene Angelegenheit, als Angelegenheit des Daseins, als Prüfstein, als Ziel auffaßt. Mit einem Wort, Annette Kolb wäre eine recht brauchbare Diplomatin, und da sie das, vergleiche Yvonne Müller, nicht hat werden können, hat sie sich ein Leben nach ihrer Idee geschaffen: sie verkehrt mit Diplomaten und schließt ihnen gleich alles an, was irgendwo von bedeutenden Männern existiert, sie reist und spinnt von München ihre Netze nach englischen Schlössern, deutschen Baronien, römischen Palästen und pariser Hotels.

Otto Flake
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О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2014-07-12

Темы

German literature -- 20th century

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