Ferien vom Ich
Paul Keller / Ferien vom Ich
Einbandentwurf von Hanne Maria Rudert
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, der Verfilmung, der Dramatisierung, des Nachdrucks und der Wiedergabe durch den Rundfunk, vorbehalten
Copyright 1915 by Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn / Breslau I Printed in Germany
Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden Gauen und Städten; ihr romantisches Tal war immer so reich, daß sie Fremdes nicht nötig hatten.
Der Johannisbrunnen! In seinem Becken ließ ich als Kind meine Schifflein schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande saß, lächelte oft verächtlich über diese Reiserouten. Er war drei Jahre älter als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine Abcschützen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte er: es läge am Wetter oder ich stände mit meinem infam weißen Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische.
Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und oben auf dem grünen Balkon am Brunnenplatz saß unsere Mutter bei ihrer Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter.
Wie kommt es doch, daß Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen können, daß er ihnen nicht lieber und größer ist als alle Küsten des Ozeans?
Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem grünen Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmäßig zu den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine Ehe schloß mit jenem unselig schönen Mädchen, dem die Schönheit zum Fluche gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen, weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe.
Paul Keller
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Inhaltsverzeichnis
Nach meiner Heimkehr
Die feindlichen Städte
Das Modebad
Auf dem Weihnachtsberg
Luise
Samariterdienste
In den Tagen des Werdens
Das Kind
Vorarbeiten
Die „Neustädter Umschau“
Joachim
Weihnachten
Fügung ...!
Bauernanwerbung
Der Journalist
Die ersten Kurgäste
Sommerabend
Lorelei
Die „krummbeinige Medizin“
In der Genovevenklause
Die Schlacht bei Waltersburg
Herbst
Von der weiblichen Putzsucht und Herrn Pieseckes Leiden
Abschiedsabend
Gerichtliches
Aufklärungen
Vom Bruder und seiner Frau
Freund Stefenson
Der Fuchs und die Sibylle
Advent
Hochzeit und Ende
Bemerkungen zur Textgestalt