Vom sterbenden Rokoko
Anmerkungen zur Transkription
Das Deckblatt ist vom Einband des Originals übernommen.
Offensichtliche typografische und Fehler bei der Zeichensetzung sind stillschweigend bereinigt.
Rudolf Hans Bartsch
Umschlag und Buchschmuck von Alfred Keller
Sechstes bis achtes Tausend
Leipzig Verlag von L. Staackmann 1909
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von C. Grumbach in Leipzig.
Es war einmal ein rasiges, wiesenhaftes Wien.
Um die Stadt hielten sich die grünen Basteien an den Händen: gar kein eherner Reifen. Nein, wie ein Ringelreihen lachender Mädchen. Bocksbart, violetter Salbei und sonnenfarbiger Löwenzahn wuchsen sorglos, das Gras wehte jedem Wind zuliebe, ganz so wie das große Kindervolk in jener Stadt, und ein hellgraublauer Invalidenfeldwebel hütete die kleine Halmbrut vor den zahllosen Kindern, welche mit eben dieser Zahllosigkeit schuld wurden, daß später graue Steine über die liebliche Rasensanftheit wuchsen.
Die Vorstädte lagen ringsum auf Wiesenhügeln oder in Bachsenkungen. Und die Wiese war Königin der Gegend. Unverwüstlich brach sie selbst mitten in den heutigen inneren Bezirken aus der Erde, und alle Gassen waren rasig, weil das jubelnde Grün sogar zwischen den Pflastersteinen übermütig herauslachte. Die Natur neckte sich noch mit der Stadt; es war eine Kinderei ohnegleichen, und rechte Kinder des weinsonnigen Landes hatten auch diese Stadt gebaut.