Liederkranz / Dem Andenken der verstorbenen Frau Herzogin Dorothea von Kurland geweiht

Ein Frühlingstag mit hellem Sonnenleben Erwacht in blüthenreicher Flur, Und was der Himmel segnend ihr gegeben, Gab mütterlich ihm die Natur. Den lichten Glanz, die reiche Blumenfülle, Des reinsten Daseyns warmen Strahl, Des wolkenfreyen Himmels heil'ge Stille In einem heitren Frühlingsthal. O schöner Tag! der Erde aufgegangen, Um hell und licht in deinem Reiz zu prangen.
Und wollen auch die Stürme sich erheben, Sie weichen vor des Lichtes Strahlenkranz, Und selbst des Abends kühle Schatten weben Den Schleyer nicht um dieses Tages Glanz. Er sinkt, so wie er freundlich aufgegangen, Nur Abendroth zeigt sein Entschwinden an, Und wo die fernen Welten ihn empfangen, Beschließen Sterne seine Bahn; Selbst wenn schon nächtlich tiefe Dunkel wallen, Hört man Gebete lange noch erschallen.
So war Dein Aufgang, so Dein Niedersinken, Du, Deines Landes holder Frühlingstag; Du zogst dahin, wo helle Sterne winken, Dahin, wo Deine rechte Heimath lag. Du schiedest, Fürstin, so von Deinem Throne, Wie von dem Leben, in dem höchsten Glanz, Und schimmernder als Deine Fürstenkrone War Deiner Anmuth Strahlenkranz; Dein Abendroth wird noch in Liebe glühen, Wenn tiefe Schatten unsre Welt umziehen.

Endlich hat mein Auge dich gesehen, Treues Bildniß der Erinnerung, Wie du schwebest aus des Himmels Höhen, Ewig blühend, ewig schön und jung.
Ruhst auf mondeshellen Wolkensäumen, Hebst den zarten Schleyer, und dein Blick Wendet, wie erwacht aus süßen Träumen, Zu der Liebe Denkmal sich zurück.
Und so tragen dich der Weste Schwingen Durch der Zeiten weite Kreise hin, Wo versunk'ne Bilder dich umringen, Bleicher Kränze deutungsvoller Sinn.
Doch der Sehnsucht innigstes Empfinden Wendet deinen stillgesenkten Blick Noch einmal zu jenen Schattengründen In ein theures Jugendland zurück.
Und ein Denkmal seh ich dort sich heben, Das Arkadien die Stäte nennt; Die Erinn'rung feyert hier ein Leben, Das sich nimmer von der Seele trennt.
Weile, hohe Göttin, weile, O Erinn'rung! weile hier; Fliehe nicht mit rascher Eile, Unsre Seelen folgen dir. Nur auf deinen lichten Schwingen, Über Erde, Zeit und Tod, Wagt der Geist empor zu dringen Zu der Hoffnung Morgenroth.

Ulrich von Schlippenbach
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О книге

Язык

Немецкий

Год издания

2007-02-21

Темы

German poetry -- 19th century

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