Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb.
Willi Müller, Dr. phil., Oberlehrer.
Rathenow. Verlag von Max Babenzien.
Manches, was ich behaupte, wird bisher geäusserten Ansichten widersprechen. Wenn ich nun auch diesen letzteren nicht zustimmen kann, so fühle ich mich doch in aufrichtiger Anerkennung ihrer Verdienste den gelehrten Männern, welche sie veröffentlichten, zu grossem Danke verpflichtet für die Anregungen, die sie mir durch ihre Werke gegeben haben. Es ist nicht alles neu, was ich in meiner Abhandlung vorbringe; ich musste einige Hauptpunkte, die früher bereits festgestellt waren, wiederholen, um überzeugende Beweise in Händen zu haben; doch bleibt immer ein guter Theil übrig, den ich als mein geistiges Eigenthum in Anspruch nehmen kann. Durch gewissenhafte Forschung, getragen von Lust und Liebe zur Sache, ist es errungen, und so habe ich geglaubt, es nicht für mich behalten, sondern mit dem bereits früher Gewonnenen zu einem fest verbundenen Ganzen vereinigen und den Kreisen, die sich für derartige Fragen interessiren, zugänglich machen zu dürfen. Ueberzeugt bin ich, dass es an Angriffen, wenn sich die Kritik mit dieser Arbeit beschäftigen sollte, nicht fehlen wird; ich werde mich freuen, wenn sie mich über Irrthümer, denen ich mich hingegeben, in überzeugenderer Weise belehren, als es den Zweiflern an dem Berichte von der Umsegelung Afrikas bislang geglückt ist.
Aber auch aus innern Gründen die Nachricht anzuzweifeln, lag für ihn keine Veranlassung vor. Dass eine Umschiffung Afrikas im Süden – rein geographisch betrachtet – möglich sei, nahm das herodoteische Zeitalter wohl allgemein an, und das war nicht wunderbar. Homer und seine Zeitgenossen hielten für ausgemacht, dass im Westen und Osten die Landmassen vom Oceanus umgeben würden, der durch den Phasis und die Strasse von Gibraltar mit dem mittelländischen Meere in Verbindung stände. In Betreff der Begrenzung der Länder im Norden und Süden fehlte ihnen jede positive Kenntniss, nicht aber eine Vermuthung, dahin zielend, dass diese beiden Enden der Welt durch Umströmung mit den Gegenden des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs verbunden seien. Da konnte den Völkern zur Zeit des Herodot, denen die Meere, welche die Ost- und Westküste Afrikas bespülen, zum Theil bekannt waren, die Annahme nicht fern liegen, dass diese durch eine sie im Süden verbindende Wasserwelt eins seien und der Schifffahrt um die Südspitze Libyens kein Hinderniss im Wege stehe. Ebenso wenig konnte sich Herodot aber an dem Zeitmasse der Umsegelung stossen, denn zu dem, was die Schiffe des Alterthums an Schnelligkeit leisten konnten, stand die Dauer der phönizischen Reise, wie unten gezeigt werden wird, durchaus in keinem Missverhältnisse. Und sollte denn – bei aller Achtung, die auch er sicherlich der Kühnheit eines so grossartigen Unternehmens zollte – ihm diese Fahrt etwa wegen ihrer Gefahren und Beschwerden so unmöglich erschienen sein, dass er glauben musste, man erzähle ihm ein Märchen? Wir können dies nicht annehmen; wir werden vielmehr verstehen, warum Herodot der Erzählung ohne hierauf bezügliche Bedenken Glauben entgegenbrachte, sobald wir uns erinnern, dass unser Schriftsteller nach der Verbannung aus seiner Vaterstadt in Samos gelebt und hier gewissermassen eine zweite Heimath gefunden hatte. Von Samos war aber Koläos zu seiner berühmten Reise ausgefahren, und wer, dem, wie Herodot doch jedenfalls, die Erzählung von dieser kühnen Meerfahrt bekannt war, hätte zweifeln sollen, dass eine Expedition wie die der Phönizier möglich sei?
Willi Müller
---
Inhalts-Verzeichniss.
Die nennenswerthesten Zweifler.
Die namhaftesten Vertheidiger.
Die Glaubwürdigkeit Herodots.
Die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots.
Charakter der saïtischen Dynastie.
Charakter Nechos.
Nechos vermuthliche Ansichten über die Möglichkeit der Heimkehr seiner Sendlinge.
Abschliessendes Urtheil über Necho.
Andere Versuche der Umschiffung.
Warum fuhren nicht Aegypter?
Seemännische Tüchtigkeit der Phönizier.
Vermuthliche Ansichten über die Gestalt und südliche Erstreckung Afrikas ums Jahr 600 v. Chr.
Genauere Zeitbestimmung der Fahrt.
Abfahrtsort der Expedition.
Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause?
Unternehmungslust des Alterthums auf dem Gebiete des Reisens.
Antriebe zur Fahrt.
Folgenlosigkeit der Fahrt.
Zusammenstellung des Bisherigen und Uebergang zur Betrachtung der eigentlichen Fahrt.
Winde.
Meeresströmungen.
Konstellation.
Brandungen und Klippen.
Grund für die Aussendung mehrerer Schiffe.
Art der Fahrzeuge.
Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums.
Welches Getreide haben die Phönizier gesäet und geerntet?
Die Rastorte der Phönizier.
Was bedeutet Her. IV, 42 φθινόπωρον?
Genauere Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Abschnitte der Reise.
Länge des Aufenthalts an den Rastorten.
Sind Störungen seitens der Eingeborenen bei Saat und Ernte anzunehmen?
Der Stand der Sonne.
Schlussbetrachtung.