Dithyramben
IWAN GOLL
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI DER JÜNGSTE TAG BAND 54 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER • WEIMAR
GLAIRE STUDER ZU EIGEN
Wer von euch hörte die hektische Orgel nicht über den Städten?
Straßen sirrten wie abgebrochene Kometenschweife um die rote Erde. Goldene Karussells des Sonntags umflogen die Wochenwelt wie große Ventilatoren.
Aus den Warenhäusern fielen die elektrischen Hesperidenäpfel. Und jeder arme Passant, dem die wächsernen Damen sich gaben, wurde zum Kind, zum Weihnachtskind.
Aber spitz und gotisch stand die Orgel über dem Quadrat der Städte: Orgel des Lebens, Orgel des Sterbens! Alle Stimmen der Menschen schrieen gegen den bleiernen Himmel.
Die Orgel wußte vom ewigen Skandal der Erde.
Sie war voll versoffener Männerstimmen, voll blecherner Klagen hungernder Witwen. Altes Husten klopfte aus Spitälern. Zimbeln schlugen aus Kinderschulen. Und das Frösteln einsamer Propheten gab sie wieder.
Die Orgel orgelte den hektischen Gesang der Erde. Sie strahlte groß und spitz über den aufgehäuften Häusern des Elends.
Ausgehöhlte Hotels zerbröckelten. Fabriken drohten mit ihren keuchenden Schloten. Schlafgemächer stürzten ein zu kalkigem Schnarchen. In den frühen Morgen schlotterten die eisigen Glocken.