Die schwarze Jakobe

1883
Eines Abends, als ich, meiner täglichen Gewohnheit nach, bei Frau von F. eintrat, fand ich meine alte Freundin nicht wie sonst in ihrem Lehnstuhl am Tische sitzend, hinter dem grünen Lichtschirm, in dessen Schatten sie der Vorlesung ihres Fräuleins zuzuhören pflegte. Das Buch zwar lag aufgeschlagen neben der Lampe, der Platz der Vorleserin aber war leer, und die alte Dame ging trotz ihrer Gebrechlichkeit mit hastigen, aufgeregten Schritten hin und her über den weichen Teppich des halbdunklen Gemaches.
Als sie mich eintreten sah, blieb sie stehen, streckte mir aber nicht wie sonst mit herzlicher Gebärde die kleine welke Hand entgegen, sondern begrüßte mich mit einem wunderlichen Kopfschütteln, das eher nach einer Abweisung als einer Bewillkommnung aussah.
Sie kommen gerade zur rechten Zeit, rief sie mir entgegen, um mich einmal im Zorn zu sehen und sich tüchtig schelten zu lassen! In einer halben Stunde würde ich mich beruhigt haben, und morgen hätte ich vielleicht alles vergessen; denn es ist entsetzlich, wie rasch in so einem alten Kopf alle neuen Eindrücke verblassen und verschwinden! Nun aber ist die Schale meines Zornes noch frisch gefüllt und soll bis auf den letzten Tropfen über Ihr schuldiges Haupt ergossen werden!
Wenn ich nur erst wüsste — erwiderte ich, indem ich zu lächeln versuchte, obwohl ich allerdings trotz meines arglosen Gewissens durch die leidenschaftliche Erregung der sonst so gütigen Frau bestürzt worden war.
Was Sie verbrochen haben? Sie haben mir ein schlechtes Buch empfohlen; das ist fast so strafbar, als wenn Sie einen schlechten Menschen bei mir eingeführt hätten. Oder nicht eigentlich ein schlechtes Buch, nur ein schwaches, das aber die Kraft gehabt hat, an meine teuersten Erinnerungen zu rühren und mich in die helle Empörung zu versetzen. Zum Glück hat meine gute Camilla mitten im Lesen einen Brief erhalten, den sie sofort beantworten musste. Wer weiß, was ich sonst noch alles zu hören bekommen hätte.
Ich war an den Tisch getreten und hatte in das offene Buch geblickt. Nun konnte ich mich in der Tat des Lachens nicht enthalten.

Paul Heyse
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О книге

Язык

Польский

Год издания

2015-03-23

Издатель

Fundacja Nowoczesna Polska

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