Vigilien
An mein Weib
Gestern ist sie von mir gegangen.
Da saßen wir vor diesem Tisch und starrten uns an. Am Tage waren wir ausgegangen, versuchten fröhlich zu sein, tranken Wein, sprachen uns sehr freundlich an, aber in uns war erwartungsvolle, schwüle Stille. Wir wussten beide: jetzt müssen wir uns auseinandersetzen, jetzt ist der Augenblick gekommen.
Ich war sehr ruhig. Nur einmal bin ich ähnlich ruhig gewesen und erinnerte mich jetzt daran. Damals hatt’ ich meine wissenschaftliche Zukunft geopfert, um Künstler zu werden. Es war schwer, sehr schwer. Weder der Vater, noch irgend jemand wollte etwas davon wissen. Und ich wusste selbst, was kommen würde; Not und Elend. Aber ich musste. Der Künstlerwille war zu stark. Und so tat ich es. Eine stille Mondnacht war es, das Silberlicht füllte mein ganzes Zimmer; plötzlich war ich aufgewacht und setzte mich mit reifem Entschluss im Bette hoch. Ich empfand nichts, hatte keinen einzigen Gedanken, war mir meines eigenen Beschlusses durchaus nicht bewusst; ganz naiv, wie ein grausames, unabwendbares Verhängnis empfand ich nur jenen Willen. Er kam von außen, er legte sich auf mein Gehirn; wie ein Riesenkeil zerschob er alle Gründe, die mir mein Bewusstsein gegen mein Gelüste aufgeschichtet hatte. Ich fühlte mich unschuldig meiner Zukunft, überantwortet dem Schicksal; ich freute mich, dass meine eigene Willenstätigkeit mir abgenommen war.
O diese Ruhe, diese stiere, starre, empfindungslose Ruhe, wenn sie jetzt nur wiederkommen möchte: so friedsam brütend.
Wir saßen uns gegenüber. Sie war unruhig, nervös; sie wusste, was jetzt kommen, unfehlbar kommen musste.
Überrock und Handschuh hatt’ ich abgeworfen, den Hut hatte ich noch auf dem Kopfe, ich drückte ihn mir fester in die Stirne. Ich fühlte ihn wie einen Reifen, und das tat mir wohl; es kam mir vor, dass sonst mein Kopf zerplatzen müsste.
Meine Stimme vibrierte; im Halse fühlte ich ein eigentümliches, unheimliches Würgen, und um die Mundwinkel zuckte es mir schmerzlich.