2. Einteilung nach den naturhistorischen Eigenschaften.

(Systematisch-botanische Systeme.)

«Sie bezieht sich meist auf die äußere Form und Struktur, bei Pflanzen und Tieren auf die Organisation, bei den mineralischen Körpern auf die Kristallisation», d. h. mit anderen Worten: die pflanzlichen und tierischen Drogen werden nach den künstlichen oder natürlichen Familien angeordnet. Die ersten, die diese Anordnung, die man die systematisch-botanische nennen kann, wählten, waren DALE und MURRAY.

SAMUEL DALE, Pharmacologia. London 1693.

J. A. MURRAY, Apparatus medicaminum tam simplicium quam praeparatorum et compositorum. 5 Vol. Göttingen 1776–1789. Vol. 6, post mort. ed. ALTHOF. 1792, von diesem auch die Edit. altera in 6 B. 1793–94. Deutsche Übersetzung von SEEGER, MURRAYS Arzneivorrath. Braunschw. 1778–1791 (B. 6 1792 von ALTHOF). Der zweite Teil des Werkes: Regn. minerale von J. F. GMELIN, 1795–96.

Ihm folgten:

JO. DAV. SCHOEPF, Materia medica americana potissimum regni vegetabilis. Erlang. 1787. (Neudruck in Bulletin of the Lloyd Library in Cincinnati).

A. RICHARD, Botanique médicale. Paris 1823. (Übers. v. KUNZE und KUMMER, Berlin 1824–26), und Elemens d’histoire naturelle médicale. Bruxelles 1831.

P. I. SMYTTÈRE, Phytologie pharmaceutique et médicale. Paris 1829.

J. F. L. NEES VON ESENBECK und L. N. EBERMAIER, Handbuch der medizinisch-pharmazeut. Botanik. 3 T. Düsseldorf 1830–32.

N. J. B. G. GUIBOURT, Histoire abregée des drogues simples, später: Histoire naturelle des drogues simples. Paris 1820. (Deutsch v. BISCHOFF: Pharmazeut. Warenkunde 1823). 2. Ed. 1826. 3. Ed. 1836 (deutsch v. MARTIUS). 4. Ed. 1839. 5. Ed. 1849, mit 600 Figuren, 6. Ed. von G. PLANCHON: Histoire naturelle des drogues simples. 4 Vol. Paris 1869–70. 7 Ed. 1876. 4 Vol. mit 1077 vorwiegend morphologischen Figuren. Die wichtigste französische Pharmakognosie aus früherer Zeit.

Nachtrag zu GUIBOURTS Warenkunde: TH. W. C. MARTIUS, Das neueste aus dem Gebiete der Pharmakognosie. Nürnberg 1830.

V. FR. KOSTELETZKY, Allgem. mediz.-pharmazeut. Flora. 6. B. Prag und Mannheim 1831–36.

WIGGERS (und CARL MÜLLER), Grundriß der Pharmakognosie. Göttingen 1840. 5. Aufl.: Handbuch der Pharmakognosie 1864.

G. W. BISCHOFF, Medizin.-pharmazeut. Botanik. Erlangen 1843. 2. Ausg. 1847.

ENDLICHER, Die Medizinalpflanzen der österreichischen Pharmakopoee. Wien 1842.

K. F. PH. MARTIUS, Systema materiae medicae vegetabilis brasiliensis. Lips. 1842.

SCHROFF, Lehrbuch der Pharmakognosie. Wien 1853. 2. Aufl. 1869.

Sehr wichtig sind die beiden folgenden Werke:

JONATHAN PEREIRA, The elements of materia medica and Therapeutics. London, (1. Aufl. 1837 [unter anderem Titel], 2. Aufl. 1842, 3. Aufl. 1849–1853, 4. Aufl. 1854–1857). Neue Aufl. von BENTLEY AND REDWOOD. London 1874. Wichtigstes Werk der englischen Pharmakognosie aus früherer Zeit. Die erste Aufl. deutsch von BEHREND 1838, die zweite deutsch von BUCHHEIM unter dem Titel: Handbuch der Heilmittellehre. Leipzig 1842.

D. A. ROSENTHAL, Synopsis plantarum diaphoricarum. Systemat. Übersicht der Heil-, Nutz- und Giftpflanzen aller Länder. Erlangen 1861.

Dies System ist in späterer Zeit wohl hauptsächlich deshalb verlassen worden, weil es SCHLEIDEN 1857 schlecht machte. Er sagt in seinem Handbuch der botanischen Pharmakognosie: «Diese Systeme (d. h. die systematisch-botanischen), die auf den ersten Anblick den Schein großer Wissenschaftlichkeit haben, sind gleichwohl die allerunwissenschaftlichsten und unbrauchbarsten. Zunächst enthalten sie das stillschweigende Eingeständnis, daß es gar keine Pharmakognosie als selbständige wissenschaftliche Disziplin gebe und geben könne. Jede wissenschaftliche Disziplin muß die systematische Verteilung ihres Stoffes eben diesem Stoff und seiner Natur entlehnen, sonst ist sie entweder keine selbständige Wissenschaft oder ihr System ist ein falsches. Gegenstand der Pharmakognosie sind aber nicht die Pflanzen als solche, sondern die Droguen als solche. Von ihnen allein dürfen also die Grundsätze für ihre systematische Anordnung entlehnt werden.»

Das ist gewiß richtig. Aber die systematisch-botanische Einteilung gewinnt im Lichte der Ergebnisse der neueren Pharmakochemie doch an Bedeutung, wenn man berücksichtigt, daß die Pflanzen derselben Familie nicht nur, wie die besonders unter RADLKOFERS Einfluß entwickelte anatomisch-systematische Richtung (SOLEREDER u. a.) zeigte, durch ähnliche anatomische Verhältnisse, sondern, wie die vergleichende Pharmakochemie lehrt, auch durch ähnliche chemische Eigenschaften, durch gleiche oder verwandte Bestandteile miteinander verbunden sind.

Daß zwischen der systematischen Stellung einer Pflanze, oder wie man damals sagte, «der Form» oder «Fruktifikation» und ihren (natürlich auf den Bestandteilen fußenden) Heilwirkungen (vires) Beziehungen bestehen müssen, betonten schon der geistvolle RUD. JAC. CAMERARIUS (de convenientia plantarum in fructificatione et viribus, Tübing. 1699) und JAMES PETIVER (Philosoph. transact. 1699), der durch den Versuch beweisen wollte, «daß Pflanzen von demselben Bau oder derselben Klasse im allgemeinen die gleiche Kraft (vertue) besitzen» . «Denn da die Organe und der Bau aller Pflanzen von derselben Familie oder Klasse meist dieselben Gefäße und Gänge besitzen müssen, um die ihnen zukommende Bildung zu erreichen, können auch die darin enthaltenen und zirkulierenden Säfte nicht so sehr verschieden sein; und da meistens auch Geruch und Geschmack eine große Übereinstimmung zeigen, so können doch wohl auch die Kräfte nicht sehr heterogen sein.» Als Beispiele führt PETIVER bereits die Klassen an, die wir heute Labiaten und Umbelliferen nennen.

Auch LINNÉ bemerkt in den Amoenitates: «Plantae quae genere conveniunt, etiam virtute conveniunt; quae ordine naturali continentur, etiam virtute proprius accedunt; quae classe naturali congruunt, etiam viribus quodammodo congruunt.» Ähnlich äußert sich CAESALPINI: «Plantae quae generis societate junguntur, plerumque et similes possident facultates.»

Später haben dann ISENFLAMM (Methodus plantarum medicinae clinicae adminiculum, Erlang. 1764), WILKE (de usu systematis sexualis in medicina, Gryphiswald. 1764), GMELIN (Botanica et chemia ad medicam applicatae Tüb. 1755), WILLEMET (An vires plantarum ex characteribus botanicis sunt inferendae, Nancy 1782); JUSSIEU (Mém. d. l. Soc. de Méd. 1786), BARTON (Collection for an Essay towards a materia medica of the unit. stat. 1801), CASSEL (Versuch über die natürl. Familien der Pflanzen mit Rücksicht auf ihre Heilkraft. Köln 1810) u. and. den Gedanken weiter verfolgt, der sich zu einem System verdichtete in der interessanten Schrift von:

AUG. PYR. DE CANDOLLE, Essai sur les propriétes médicales des plantes comparées avec leurs formes extérieures et leur classification naturelle. Paris 1804 u. 1816. (Deutsch v. K. J. PERLEB. Aarau 1818.)

Widerspruch erfuhr die Theorie besonders von VOGEL (Mat. med.), PLAZ (de plantarum virtutibus ex ipsarum charactere botanico nunquam cognoscendis 1762) und GLEDITZSCH (de methodo botanica dubio et fallaci virtutum in plantis indice. 1742).

Später sind dann diese Gedanken vielfach weiter gesponnen worden in den Schriften:

MALY, De analogis plantarum affinium viribus. Prag 1823.

H. H. DIERBACH, Abhandl. über die Arzneikräfte der Pflanzen, verglichen mit ihrer Struktur und ihren chemischen Bestandteilen. Lemgo 1831.

CALVERT ET FERRAND, Mém. sur la végétation considerée sous le point de vue chimique 1844.

HERLANT, Etude sur les rapports entre les principes actifs et les caractères botan. des plantes officinales. Brux. 1878.

DRAGENDORFF, Über d. Bezieh. zwischen chem. Bestandt. u. botan. Eigentümlichk. d. Pflanz. Petersburg 1879.

GRESHOFF, Gedanken über Pflanzenkräfte und phytochemische Verwandtschaft. Ber. d. pharmazeut. Ges. 1893.

ROSENTHALER, Bezieh. zwischen Pflanzenchemie u. Systematik. Naturforschervers. Stuttgart 1906.

Durch eine systematisch-botanische Zusammenstellung treten die Ähnlichkeiten, die man sonst leicht übersehen hatte, oft geradezu erst hervor. So besitzt dies von SCHLEIDEN geschmähte System sogar heuristischen Wert. Es besitzt aber auch didaktischen, da es eine lebensvolle Verknüpfung zusammengehöriger Drogen in der Vorlesung ermöglicht, und deshalb hat sich seiner auch noch in neuerer Zeit FLÜCKIGER in seinem «Grundriß der Pharmakognosie» (Berlin 1883, 2. Aufl. 1894) bedient. Deshalb bediene ich mich seiner in der Vorlesung und deshalb habe ich dies System auch der Anordnung des Drogenmuseums des Berner pharmazeutischen Instituts zugrunde gelegt.

Bereits in den «Grundlagen der Pharmakognosie» reden FLÜCKIGER und ich der Anlehnung an die natürlichen Pflanzenfamilien das Wort. «Die Benutzung eines auf diese gegründeten Systems eignet sich schon deshalb, weil die Kenntnis der Pflanzenfamilien vorausgesetzt werden darf, kaum noch im Zweifel läßt über die jeder Droge gebührende Stelle und nicht die Trennung der Teile oder Produkte gestattet, welche eine und dieselbe Pflanze liefert. Diese Vorzüge sind größer als der Nachteil, welcher darin erblickt werden mag, daß sich bei dieser Anordnung Dinge nahe gerückt finden, welche weder morphologisch noch in betreff der Heilwirkung irgend zusammengehören.»

Für Pflanzen und Tiere ist es benutzt in:

J. J. VIREY, Histoire naturelle des médicaments des alimens et des poisons. Paris 1820. 2 ed. 1826.

A. L. A. FÉE, Cours d’histoire nat. pharmaceut. ou histoire des substances usitées dans la thérapeutique, les arts et l’économie domestique. Paris 1828.

A. RICHARD, Elemens d’histoire nat. med. Paris 1831–35.

J. JOHNSTONE, A therapeutic arrangement and syllabus of materia medica. London 1835.

E. SOUBEIRAN, Nouveau traité de pharmacie théoret. et prat. 1836. 2. Aufl. 1840.

Für Tiere in:

J. F. BRANDT und J. T. C. RATZEBURG, Medizin. Zoologie. Getreue Darst. u. Beschreib. d. Tiere, die in der Arzneimittellehre in Betracht kommen. 3 B. 1827–33, mit 60 vorzügl. Kupfertafeln.

P. L. GEIGER, Handb. d. Pharmazie. Heidelb. 1829.

JOHN STEPHENSON, Medical zoology and mineralogy. London 1832.

J. W. C. MARTIUS, Lehrb. d. pharmazeut. Zoologie 1838.

MARTINY, Naturgeschichte der für die Heilkunde wichtigen Tiere. Gießen 1854. m. 30 Taf.

MOQUIN-TANDON, Eléments de zoologie médicale. Paris 1860. 2 Edit. 1882 avec Fig.

Des künstlichen LINNÉschen Systems bedienen sich:

C. LINNÉ, Materia medica 1749, 4. Aufl. Erlang. 1782, 5. Aufl. 1785 (ED. SCHREBER).

SCHÖPF (s. [oben]).

P. J. BERGIUS. Materia medica e regno vegetabili, sistens simplicia officinalia pariter atque culinaria. 2 B. Stockholm 1778. 2. Aufl. Stockholm 1782.

P. L. GEIGER, Handb. d. Pharmazie. 3. Aufl. 1830, 5. Aufl. 1837/39. Bearb. von N. V. ESENBECK, DIERBACH und CL. MARQUART.

Auch der pharmakognostische Teil von C. G. HAGEN, Lehrbuch der Apothekerkunst, Königsberg 1778–82 (bis 1821 8. Aufl.), ordnet die Drogen nach dem Linnéschen System.

In neuerer Zeit bedienten sich des systematisch-botanischen Systems:

C. A. J. A. OUDEMANS, Aanteekeningen op het systematisch- en pharmacognostisch-botanische gedeelte der Pharmacopoea Neerlandica. Rotterdam 1854–56.

W. DYMOCK, The vegetable Materia medica of Western India. Bombay s. a. (1884).

F. A. FLÜCKIGER and DAN. HANBURY, Pharmacographia a history of the principal drugs of vegetable origin, met with in great britain and british India. London 1874. 2. Ed. (by FLÜCKIGER) 1879. Das wichtigste Werk der englischen Pharmakognosie, leider ohne Abbildungen. Französische Übersetzung (nach der 1. Aufl.) von J. L. DE LANESSAN, Histoire des drogues d’origine végétale. 2 Vol. Paris 1878. avec 320 Fig. (par HUGON).

Als Ergänzung dazu: DAN. HANBURY, Science papers, chiefly pharmacological and botanical. London 1876 (Edit. J. JUCE), mit Abbild.

G. PLANCHON, Traité pratique de la détermination des drogues simples d’origine végétale. 2 Vol. Paris 1875, mit Abbild.

W. DYMOCK, C. J. H. WARDEN und D. HOOPER, Pharmacographia indica, a history of the principal drugs of vegetable origin met with in British India. 3 Vol. London, Bombay, Calcutta 1890–1892, ohne Abbildungen.

GEORGE WATT, Dictionary of the economic products of India. 6 Vol. Calcutta 1889–1893, ohne Abbildungen.

LUCIUS E. SAYRE, A manual of organic materia medica and pharmacognosy. Philadelphia 1895, with 543 Illustr.

G. PLANCHON et E. COLLIN, Les drogues simples d’origine végétale. 2 Vol. Paris 1896, mit 1379 Fig. (von COLLIN), die anatomischen etwas schematisiert. Das Hauptwerk der französischen Pharmakognosie.

G. DRAGENDORFF, Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker und Zeiten. Stuttgart 1898. Vollständiges Verzeichnis der ungefähr 12700 Heilpflanzen.

Ähnliche Ziele wie DRAGENDORFFS Heilpflanzen verfolgt:

CH. PICKERING, Chronological history of plants, man’s record of his own existence illustrated through their names uses and companionship. Boston 1879 (enthält 15000 Nummern der menschl. Nutzpflanzen, nach FLÜCKIGER [Botan. Zeit] eine kritiklose Zusammenhäufung).

H. V. ROSENDAHL, Lärobok i Farmakognosi med 347 Fig. Upsala 1897 (schwedisch). Berücksichtigt alle drei Reiche.

B. A. TICHOMIROFF, Utschebnik Farmakognozii. Moskau 1900, mit 157 Abbild. (Russisch).

LOUIS PLANCHON, Précis de matière médicale. 2 Vol. Tom. I avec 170 Fig. 1904, Tom. II avec 314 Fig. 1906. Recht gut für Studierende brauchbar, berücksichtigt auch die Bestandteile ausreichend. PLANCHON legt das System von BENTHAM und HOOKER und DURANDS Index generum phanerogamarum zugrunde.

W. MITLACHER, Toxikologisch und forensisch wichtige Pflanzen und vegetabilische Drogen. Wien 1904.

E. GILG, Lehrbuch der Pharmakognosie. Berlin 1905.

Die Lehrbücher, welche nur den botanischen Teil der Pharmakognosie behandeln und den chemischen Teil entweder ganz unterdrücken oder nach anderen Lehrbüchern und nicht auf Grund eigener Erfahrung oder nach den Quellen behandeln, sind keine Lehrbücher der Pharmakognosie, sondern Lehrbücher der Pharmakobotanik oder botanischen Pharmakognosie, wie sie schon SCHLEIDEN richtig benennt.