VIII. Der Unterricht in der Pharmakognosie.

Der erste Lehrer der Pharmakognosie war der Arzt FRANCESCO BUONAFEDE, der, Ende des XV. Jahrh. geboren, in Rom Medizin studiert hatte und 1533 nach Padua gekommen war. Er war der erste, der den pharmakognostischen Unterricht an einer Universität organisierte (um 1549). Er hielt nicht nur eine Lectura simplicium, eine theoretische Vorlesung, sondern auch an der Hand einer Drogensammlung und an dem frischen Material eines botanischen (besonders Arzneipflanzen-) Gartens eine Ostensio simplicium, ein Demonstrationskolleg (siehe auch Pharmacomorphologia). In Padua war dann 1550–1562 der vortreffliche Pharmakognost GABRIELE FALLOPIO Lector simplicium, dann am gleichen Orte PROSPERO ALPINO (geb. 1553, † 1617) «Ostensore dei Semplici» (ROB. DE VISIANI, Memoria dell’ origine ed anzianità dell’ orto botanico di Padova, Venezia 1839). Vornehmlich pharmakologische Vorlesungen «de simplicibus» finden wir schon früher. So las z. B. LUCA GHINI bereits 1534–1544 in Bologna de simplicibus.

In der Folgezeit scheint das Beispiel BUONAFEDES nicht überall befolgt worden zu sein. Doch finden wir im XVII. und XVIII. Jahrh. überall Ärzte, die schlecht und recht bei Gelegenheit der Besprechung der Arzneimittel auch die Drogen in den Vorlesungen behandelten, aber nicht immer mit Zuziehung von Demonstrationsmaterial in Gestalt einer Drogensammlung. Die «Vires», die «virtus» der Droge, d. h. das pharmakologische, waren die Hauptsache, die Droge selbst trat zurück. Erst N. LÉMERY (geb. 1635, † 1715) und STEPH. FRANC. GEOFFROY (geb. 1673, † 1731) können wir wieder als eigentliche Professoren der Pharmakognosie ansprechen und noch lange nach ihnen blieb die Pharmakognosie in den Händen der Ärzte und der Chemiker (NEUMANN). Erst gegen Ende des XVIII. Jahrh. nehmen Apotheker (GUIBOURT, TROMMSDORFF) den Unterricht in der Pharmakognosie in die Hand, der dann in die Hände der Botaniker überging, um bei diesen bis auf FLÜCKIGER und darüber hinaus zu bleiben (vgl. das Kapitel [Pharmakohistoria]).

Der Unterricht in der Pharmakognosie wird jetzt nach sehr verschiedenen Methoden erteilt.

In Frankreich, wo der akademische Unterricht der Pharmazeuten in den «Ecoles de pharmacie» erteilt wird, die den Universitäten entweder direkt (Paris) oder den Facultés mixtes (de médicine et de pharmacie) eingegliedert sind, oder aber als selbständige Anstalten (Fachschulen) fortbestehen, gibt es einen meist aus der Pharmazie hervorgegangenen «Professeur de matière médicale», der meist von Fach Botaniker ist. Die Pharmakochemie liegt in den Händen von Chemikern. Doch macht sich neuerdings eine pharmakochemisch-pharmakobotanische Schule bemerkbar (GORIS).

In England, wo der gesamte höhere Unterricht bekanntlich — mit wenigen Ausnahmen — Sache nichtstaatlicher Korporationen oder privater Unternehmungen ist, findet man an den «schools of pharmacy», die außerhalb der Universitäten stehen, ebenfalls Professoren der materia medica, die die Pharmakognosie vom botanischen Standpunkte betreiben. Pharmakochemie wird nicht gelesen und wissenschaftlich von einigen Vertretern der organischen Chemie getrieben.

Ähnliches gilt von Deutschland, in dem jahrzehntelang der Unterricht in der Pharmakognosie darniederlag. Die pharmazeutischen Universitätsinstitute, die sich in Deutschland rasch zu hoher Blüte entwickelt haben, sind mit wenigen Ausnahmen (Straßburg) pharmazeutisch-chemische.

«Den idealen Anforderungen, welche an eine zeitgemäß ausgestattete pharmakognostische Anstalt zu stellen wären, entsprechen die pharmazeutischen Institute an den Universitäten Deutschlands sehr wenig» (FLÜCKIGER).

Das erste pharmazeutische Universitätsinstitut in Deutschland wurde von JOH. BART. TROMMSDORFF 1795 in Erfurt gegründet. Es war mit einer Pension für die Zöglinge verbunden. Später errichteten auch SCHWEIGGER-SEIDEL (1829) in Halle, GÖBEL (1825) in Jena, MARTIUS (1850) in Erlangen, BUCHNER (1828) in Landshut u. and. pharmazeutische Institute. Das von MARTIUS hieß «Pharmakognostisch-pharmazeutisches Institut». Die Entwicklungsgeschichte der pharmazeutischen Universitätsinstitute habe ich in der Festrede zur Einweihung des pharmazeutischen Institutes in Bern 1893 geschildert (Pharm. Post 1894).

Als GARCKE 1904 in Berlin starb, habe ich auf die Notwendigkeit hingewiesen, auch der Pharmakognosie mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Das Mahnwort hat ein Echo gefunden. Die Hauptversammlung des deutschen Apothekervereins in Hamburg 1904 nahm folgende Resolution an:

«Der deutsche Apothekerverein bedauert, daß dem für den Apothekerberuf außerordentlich wichtigen Studium der Pharmakognosie auf den deutschen Hochschulen viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, und beauftragt den Vorstand, bei den Regierungen dahin vorstellig zu werden, daß auf allen deutschen Hochschulen Lehrstühle für Pharmakognosie errichtet und mit aus der Pharmazie hervorgegangenen Lehrkräften besetzt werden.»

Die allen deutschen Regierungen übermittelte Resolution hat keinen sichtbaren Erfolg gehabt; obwohl der Vorstand des D. A. V. seine Bemühungen 1907 fortsetzte, ist alles beim alten geblieben. Die Pharmakognosie befindet sich mit einigen Ausnahmen in den Händen nicht aus der Pharmazie hervorgegangener Botaniker; obwohl schon BUCHHEIM (1879) bemerkte: «So lange der Unterricht der Pharmazeuten in der Drogenkunde von einem botanischen Standpunkte ausgeht und vorzugsweise in den Händen von Fachbotanikern liegt, ist ein erheblicher Fortschritt dieser Disziplin nicht zu erwarten».

In der Schweiz ist an einigen Orten wenigstens (Bern, an der Universität, Zürich, am Polytechnikum) der aus der Pharmazie hervorgegangene Professor der Pharmakognosie zugleich Professor der pharmazeutischen Chemie und Direktor des pharmazeutischen Institutes (wie in Straßburg). An diesen Orten findet also die Pharmakognosie eine ausreichende Berücksichtigung und das Vorhandensein eines Institutes gibt die Möglichkeit zu selbständiger Forschung auf beiden Gebieten, sowohl der Pharmakobotanik wie der Pharmakochemie.

In Österreich, dem ebenso wie Ungarn pharmazeutische Institute gänzlich fehlen, ist die Pharmakognosie an mehreren Stellen (wie auch in Leipzig) mit der Pharmakologie verbunden, liegt also in den Händen von Ärzten. Die Institute tragen meist die Bezeichnung Pharmakologisch-pharmakognostische (Wien, Graz), in Prag besteht ein pharmakognostisches Institut.

In Schweden (Stockholm) ist in dem Farmaceutiska Institutet die Pharmakognosie mit der Botanik verbunden.

In Nordamerika wird das Fach ähnlich wie in England an den ebenfalls privater Initiative ihre Entstehung verdankenden, sehr zahlreichen Instituten — colleges of pharmacy — vorwiegend vom botanischen Standpunkte betrieben. In Amerika ist also der Lehrer der Pharmakognosie Botaniker, z. B. KRAEMER am Philadelphia College of pharmacy, der ältesten Anstalt dieser Art in Amerika (1821 gegründet). Die School of pharmacy in Ann Arbor ist der Universität eingegliedert. Ihr Decan SCHLOTTERBECK ist, wie die Mehrzahl meiner Schüler, die akademische Lehrstellen innehaben, Pharmakobotaniker und Pharmakochemiker.

Pharmakoanatomische Kurse werden jetzt wohl an den meisten Universitäten abgehalten.

Über die Drogenmuseen vgl. das Kapitel [Pharmakomorphologie].

Meine Forderung lautet:

Die Pharmakognosie muß an den höheren Lehranstalten als ein selbständiges Lehrfach durch einen aus dem Apothekerstande hervorgegangenen, pharmakochemisch und pharmakobotanisch durchgebildeten ordentlichen Professor gelehrt werden, dem ein Institut mit Laboratorien und Sammlungsräumen zur Verfügung zu stellen ist. Die Professur für Pharmakognosie kann entweder mit der für pharmazeutische Chemie und der Leitung des pharmazeutischen Institutes verbunden oder als koordinierte Professur neben der für pharmazeutische Chemie in einer koordinierten Institutsabteilung eingerichtet werden. Lehrstuhl und Institut sind womöglich der medizinischen Fakultät der Universität einzugliedern.

Bei der Forschung kann entweder an dem monistischen Standpunkte festgehalten werden oder ein Dualismus eintreten, d. h. Zusammenarbeit eines Pharmakobotanikers mit einem Pharmakochemiker, wie es z. B. in der Zusammenarbeit von HECKEL und SCHLAGDENHAUFFEN so schön in die Erscheinung trat.

Durch Beschränkung der Doktorpromotion auf solche Kandidaten, welche die Maturitätsprüfung bestanden haben, ist im Beginn des XX. Jahrh. der wissenschaftlichen Pharmakognosie, wie auch der pharmazeutischen Chemie in Deutschland, das ja zum Eintritte in das Fach die Maturität nicht fordert, ein schwerer Schlag versetzt worden. Dadurch wurde eine große Menge tüchtiger Apotheker vom weiteren Studium abgehalten. Denn die Aussicht auf Erwerbung des Doktorgrades veranlaßte viele, sich wissenschaftlichen Fragen zu widmen, die sonst weder Zeit noch Geld dazu verwendet hätten. So bleiben jetzt eine Menge von Kräften ungenutzt, die früher zur Förderung der Wissenschaft herangezogen werden konnten.

Der Unterricht in der Pharmakognosie beginnt in der Lehrzeit. Er beginnt damit, daß der Eleve mit dem Aussehen der Drogen bekannt gemacht wird. Jede Apotheke ist ja eine Drogensammlung und der Eleve braucht also nur die Schubladen aufzuziehen oder die Deckel von den Gefäßen zu nehmen, um die Drogen kennen zu lernen. Da aber viele Drogen in den Schubladen sich in geschnittenem Zustande befinden (Lignum guajaci, Rad. althaeae, Rhiz. graminis u. a.), wird er doch gut tun, sich eine kleine Drogensammlung anzulegen, die mit Hilfe der Großdrogenhäuser leicht komplettiert werden kann. Es ist besser, sich selbst die Sammlung anzulegen, denn das erweckt mehr Freude am Gegenstand als eine fertige Sammlung zu kaufen. Aber man kann zur Not auch eine der im Handel angebotenen Sammlungen erwerben. Das ist immer noch besser als gar keine zur Hand zu haben. Die Betrachtung der Drogen mit bloßem Auge und mit der Lupe und die Vergleichung derselben lehrt beobachten. Und eigene Beobachtung ist die Basis aller Naturforschung. Es ist Pflicht des Chefs, den jungen Fachgenossen zum Beobachten anzuhalten, ihn beobachten zu lehren. Ein Apotheker, der nicht beobachten kann, ist ein schlechter Apotheker. Dann muß der Praktikant sich auch die Namen der Stammpflanzen einprägen. Das ist Gedächtnissache. Aber das Gedächtnis ist auch ein Instrument, das man im Fache braucht, und zwar ein solches, das durch Übung besser wird. Man muß es also üben.

Die Beobachtung der morphologischen und physikalischen Eigentümlichkeiten einer Droge führen ganz von selbst zur Unterscheidung der Droge von anderen und zur Erkennung von Verwechslungen und Verfälschungen. Auch auf diesem Gebiete muß sich der Eleve die Anfangsgründe aneignen, damit er nicht einmal Herb. artemisiae absinthii abgibt, wenn Herb. artemisiae vulgar. verlangt wird.

Die chemischen Bestandteile kann der Anfänger noch beiseite lassen, oder sich doch nur das allerwesentlichste aneignen.

Dagegen muß er auch außer den gemeinen Pflanzen der Heimat die lebenden Arznei- und Nutzpflanzen kennen lernen — im Garten und auf Exkursionen in die Umgegend. Gar viele Apotheker gibt es auch heute noch, die den Grund zu ihren botanischen Kenntnissen während ihrer Lehrzeit gelegt haben, die ein verständiger Chef beobachten, d. h. sehen gelehrt hat.

Das pharmakognostische Studium auf der Universität hat zwei Voraussetzungen: Kenntnis der pharmazeutischen Praxis und genügende Vorkenntnisse in der Chemie und Botanik. Es sollte daher nicht in das erste Semester gelegt werden.

Der Unterricht in der Pharmakognosie an der Universität zerfällt in einen theoretischen und einen praktischen Teil.

Der theoretische Teil besteht in der Vorlesung über Pharmakognosie. Diese Vorlesung soll das Gesamtgebiet der Pharmakognosie in einem Semester behandeln, muß daher mindestens 4–6stündig sein. Aber auch dann wird man den umfangreichen Stoff nicht bewältigen. Es empfiehlt sich daher, in den alternierenden Semestern Ergänzungsvorlesungen zu halten, die ausgewählte größere Kapitel, wie die Harze, die Purindrogen, die Anthrachinondrogen, Chinarinde u. and., behandeln und besondere Vorlesungen über Pharmakochemie und pharmazeutische Botanik einzuschieben oder von Hilfskräften halten zu lassen. In der Vorlesung über Pharmakognosie muß die Droge nach allen Richtungen behandelt werden, nicht nur in botanischer. Man wird gut tun, um den Unterricht anregender zu gestalten und Gelegenheit zu zusammenfassenden Auseinandersetzungen zu finden, die Drogen nach dem natürlichen Pflanzensystem geordnet vorzutragen. Das chemisch zusammengehörige läßt sich bei Wahl dieses Systems oft gut miteinander verbinden (s. [S. 220]) und jeder wichtigen Familie kann eine allgemeine Übersicht über die anatomischen und chemischen Besonderheiten vorausgeschickt werden. Ich ziehe dies System für die Vorlesung vor und erörtere lieber die morphologisch-anatomischen Eigentümlichkeiten der morphologischen Gruppen im Praktikum ([S. 270]) und der Vorlesung über angewandte Anatomie. Erst derartige zusammenfassende Übersichten mit vergleichenden Ausblicken auf benachbarte Gebiete machen die Vorlesung interessant und wertvoll, ja rechtfertigen sie eigentlich erst. Denn eine Aufzählung der Merkmale findet man in jedem einschlägigen Werke und man kann sie sich selbst an der Droge aufsuchen — dazu braucht man keinen Lehrer. Zudem: gibt es etwas Geisttödenderes als das Hersagen von Merkmalen?: «Die Wurzel ist braun und runzlig, und hat einen dunklen Cambiumring». Ich kenne solche Vorlesungen über Pharmakognosie, aber ich schätze sie nicht. Sie sind es, die die Pharmakognosie in Mißkredit gebracht haben. Das «Enzyklopädische» soll in der Vorlesung zurücktreten gegenüber der Erörterung des Verbindenden, des Allgemeinen, des Charakteristischen. Die Vorlesung soll das allgemeine Verständnis wecken. Sie muß durch ein möglichst umfassendes, dem Drogenmuseum (siehe das Kapitel [Pharmakomorphologie]) entnommenes Demonstrationsmaterial illustriert werden. Die in der Vorlesung behandelte Droge in ihren Handelssorten, die Verfälschungen, die Bestandteile, die Packungen, in Rahmen aufgestellte oder als Wandtafeln aufgehängte Abbildungen und Karten, sowie historisch wichtige Publikationen müssen im Hörsaal zu einer Ausstellung vereinigt werden, zu deren eingehender Betrachtung vor und nach der Vorlesung die Studierenden einzuladen sind. Einiges davon kann nach der Vorlesung noch besonders demonstriert werden. Bei der Beschreibung der Droge muß jeder der Studierenden das Objekt in Händen haben. Die Beschreibung wird durch möglichst zahlreiche Skizzen mit bunter Kreide an der Wandtafel erläutert, die die Studierenden mit Buntstiften an den Rand ihres Heftes abzeichnen müssen. Eine solche, mit wenigen Strichen das allerwesentlichste herausarbeitende Wandtafelskizze ist wichtiger als eine lange Beschreibung und auch als die aufgehängten (und zu näherer Betrachtung acht Tage hängen bleibenden) Wandtafeln, oder gar die zu schnell wieder verschwindenden, mittelst des Skioptikons projizierten, meist sehr detailreichen Abbildungen, die man erst «lesen» lernen muß, um sie ganz zu verstehen. Dagegen kann die Demonstration mikroskopischer Präparate und die Anstellung von Experimenten unterbleiben, da der Studierende diesen Teil im Praktikum selbst zu übernehmen hat.

Denn die Vorlesung muß durch Übungen ergänzt werden und zwar sowohl morphologisch-anatomischen wie pharmakochemischen. Um diese erfolgreich abhalten zu können ist es nötig, daß der Dozent ein Institut zur Verfügung hat, also entweder selbst der Leiter des pharmazeutischen Universitätsinstitutes ist oder einer selbständigen, der chemischen koordinierten Abteilung desselben vorsteht. Die morphologisch-anatomischen Übungen in Pharmakognosie werden am besten über drei Semester verteilt und vierstündig abgehalten mit zwei zusammenhängenden Stunden, so daß das Praktikum zwölfstündig ist. Im ersten oder den ersten zwei Semestern soll der Studierende das botanische Praktikum besuchen, um botanisch vorgebildet zu werden.

Das pharmakognostische Praktikum soll nicht ein rein anatomisches sein, sondern muß mit einer Besprechung der Morphologie der Droge beginnen, die der Studierende in der Hand hält (vgl. auch [Pharmakomorphologie]). Dann wird zunächst (mit Hilfe der Lupe oder des zerlegten Okulars des Mikroskopes) das Lupenbild studiert und dann erst zum Rasiermesser gegriffen, um Schnitte für das Mikroskop zu machen. Es ist unbedingt erforderlich, daß der Studierende vom ersten Tage an die Schnitte, die er beobachten soll, selbst herstellt. Er lernt es schnell. Wenn man in den ersten Stunden Geduld hat und dem Anfänger öfter die Führung des Messers zeigt, merkt man bald Fortschritte und sieht nach kurzer Zeit brauchbare Schnitte aus den Händen der Praktizierenden hervorgehen. Das Mikrotom ist für das Praktikum überflüssig, die Verteilung von mit ihm vor dem Praktikum durch den Assistenten hergestellten Schnitten unter die Studierenden schädlich. Der Studierende soll selbst präparieren. Die Präparate gelangen nun zur Beobachtung, Skizzen an der Wandtafel erläutern den Schnitt, auch können anatomische Abbildungen der Atlanten (s. [Pharmakoanatomie]), die jeder neben sein Mikroskop legt, oder Wandtafeln, die aufgehängt werden und die möglichst lange hängen bleiben müssen, zur weiteren Orientierung herangezogen werden. Die Hauptsache bleibt aber, daß der Beobachter das Beobachtete selbst und zwar freihändig ohne Zeichenapparat — aber mit Benutzung der Buntstifte — zeichnet. Zeichnen heißt beobachten. Zeichnen können heißt also beobachten können. Nur wenn man etwas zeichnen kann, hat man es recht beobachtet. Für gewöhnlich erklären sämtliche Praktikanten nicht zeichnen zu können. Sie lernen es aber mit ganz verschwindenden Ausnahmen rasch. Oft werden dabei wahre Zeichentalente entdeckt, die gar nicht wissen, daß sie es sind.

In drei Semestern läßt sich die Materie bewältigen. Im ersten gibt man einen kurzen Überblick über die gesamte Angewandte Anatomie, d. h. man hält ein anatomisches Praktikum ab, bei dem nur Drogen als Objekte benutzt werden ([S. 266]). Man legt also wie in der Vorlesung die natürlichen Pflanzenfamilien hier das System der Pflanzenanatomie zugrunde, beginnt mit den Zellinhaltsbestandteilen, behandelt dann die Membran und endlich die Gewebe und Gewebesysteme. Zu diesem ersten Praktikum gehört ein halbstündiges Theoretikum, in dem ein ganz kurzer Grundriß der Angewandten Pflanzenanatomie vorgetragen wird, der sich eng an das im Praktikum gesehene anschließt — gewissermaßen das Skelett, zu dem das Praktikum Fleisch und Blut liefert. Im zweiten Semester werden dann die noch nicht behandelten Drogen nach morphologischen Gruppen durchgenommen ([S. 270]), im dritten folgen die Nahrungs- und Genußmittel und einige technischen Drogen, wie z. B. die Gespinstfasern ([S. 272]).

Die gepulverte Droge kann man im Praktikum an die Droge selbst anschließen. Besser jedoch werden die Drogenpulver, Mehle und gemahlenen Genußmittel in einem besonderen einstündigen Praktikum am Schlusse der Studienzeit durchgenommen ([S. 272]). Die Untersuchung der Drogenpulver ist bereits angewandte Pharmakognosie. Für den, der die Droge, das Nahrungs- oder Genußmittel selbst anatomisch gut kennt, bietet die Pulveranalyse keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Nach kurzer Übung kann der Praktikant nicht nur einfache Drogenpulver erkennen, sondern auch Beimischungen diagnostizieren. Ich gebe als Aufgaben in der Staatsprüfung Mischungen von 3–4 feingepulverten Drogen. In 3–4 Stunden sind die Analysen gemacht.

Das morphologisch-anatomische Praktikum (s. [hinten]) ist ein vorzügliches Mittel, um beobachten und die naturwissenschaftliche Methode kennen zu lernen und sich im naturwissenschaftlichen Denken zu üben.

Weniger ist dies bei dem parallel mit dem mikroskopischen einhergehenden pharmakochemischen Praktikum (s. hinten [S. 273]) der Fall, in dem unter anderem die chemischen Wertbestimmungen der Drogen geübt werden. Da diese Wertbestimmungen nach bestimmten Rezepten, die auf Vereinbarungen beruhen und die nicht zu absoluten Zahlen führen, ausgeführt werden müssen, muß sich der Praktikant streng, ja sklavisch an diese Vorschriften halten. Er gewöhnt sich bei diesen Untersuchungen zwar an peinliche Genauigkeit, findet aber wenig Spielraum für eigenes Denken und Kombinieren, wie z. B. im toxikologischen Praktikum, das nach meinen Erfahrungen eine ganz ausgezeichnete Schule naturwissenschaftlich denken und beobachten zu lernen ist. Immerhin muß sich der Praktikant auch in den Wertbestimmungen die nötige Übung und Fertigkeit erwerben.

Schließlich muß jeder Praktikant mindestens einen Pflanzenstoff isolieren. Das kann sehr gut in dem Semester geschehen, in dem die präparativen, organisch-chemischen Arbeiten im Institut vorgenommen werden. Man wählt natürlich nur einfachere Aufgaben, wie Amygdalin, Aloïn, Chrysophansäure, Kaffein, Morphin, Pimarsäure, Ölsäure, Amyrin oder dergl. (s. [S. 273]).

So ausgebildet tritt der Pharmakognost dann in die Praxis. Er ist durch diesen Gang der Ausbildung befähigt, die unzerkleinerten Drogen sicher zu erkennen und eventuelle Verfälschungen leicht aufzufinden und zu diagnostizieren, die Drogenpulver, die er aus der Fabrik kauft, auf Identität und Reinheit zu prüfen und die Wertbestimmungen der Drogen in exakter Weise durchzuführen, d. h. angewandte Pharmakognosie kunstgerecht auszuüben. Er ist befähigt, sich vor Betrug zu schützen und in die Lage versetzt, nur tadellose Drogen dem Arzte und dem Publikum zur Verfügung zu stellen. Ein wissenschaftlich gut geschulter Apotheker ist also auch wirtschaftlich besser ausgerüstet, als ein schlecht geschulter.

Der oben geschilderte Ausbildungsgang ist nun keineswegs etwa eine Utopie. Er ist von mir 1890 in Bern organisiert worden und eine achtzehnjährige Erfahrung hat seine Durchführbarkeit und Brauchbarkeit erwiesen, auch wenn das akademische Studium nur vier Semester dauert. Ich will aber natürlich nicht behaupten, daß man die Sache nicht auch anders organisieren kann.

Jedenfalls geht aber daraus hervor, daß die Pharmakognosie kein Fach ist, das man als Lehrer «im Nebenamt» betreiben kann. Es erfordert einen ganzen Mann in unabhängiger Stellung, der eine gute Vorbildung in Chemie und Botanik besitzt und aus der Pharmazie hervorgegangen ist. Es erfordert aber auch die nötigen chemischen und mikroskopischen Laboratorien sowie Sammlungsräume, d. h. ein pharmazeutisches Institut oder eine selbständige Abteilung desselben.

Für Belohnung wissenschaftlicher Arbeit vorwiegend auf dem Gebiete der Pharmakognosie bestehen zwei Medaillen, die 1881 gestiftete HANBURY-Medaille, die die Inschrift trägt: «Awarded for original research in the natural history and chemistry of drugs», und die 1892 (auf meine Anregung hin) gestiftete FLÜCKIGER-Medaille, die die Inschrift trägt: «Scientia non unius populi sed orbis terrarum».

Die goldene HANBURY-Medaille wird alle zwei Jahre verliehen (zum ersten Male 1881). Es haben sie erhalten: FLÜCKIGER, J. E. HOWARD, G. DRAGENDORFF, W. DYMOCK, G. PLANCHON, J. O. HESSE, J. M. MAISCH, A. VOGL, J. E. DE VRIJ, A. LADENBURG, G. WATT, E. COLLIN, ERNST SCHMIDT, HOOPER.

Die FLÜCKIGER-Medaille erhielten: ATTFIELD, BECKURTS, DRAGENDORFF, FRITZSCHE, GIACOSA, HANBURY-LA MORTOLA, HECKEL, HILGER, HOFFMANN, HOLMES, HUSEMANN, NAGELVOORT, NYEGAARD, PECKOLT, G. PLANCHON, SCHÄR, E. SCHMIDT, TSCHIRCH. Sie wird seit 1897 nur in Gold und nur alle fünf Jahre verliehen.