I

Die Stirne von Eisen,

Daß Brüder sich schieden;

Die Zunge zu preisen:

Sie macht wieder Frieden.

(Die Wage.)

II

’s ist ein Gefäß von ungemeßnen Tiefen,

Doch faßt die kleinste Hand es gut;

Und dennoch kann die Hand nicht prüfen,

So nah sie kommt, was in ihm ruht.

(Der Handspiegel.)

VI.
ZION

Zion, willst du nimmer wieder

Die verbannten Kinder grüßen,

Sie, die letzten deiner Herde,

Die dich immer wieder grüßen?

Osten, Westen, Süden, Norden,

Alle Nähen, alle Weiten –

Horch, von allen fernsten Borden

Grüßt es dich:

Höre sie, Zion!

Höre auch mich!

Armer Gefangener ich,

Ich mit meinem Sehnen,

Hermonstau meine Tränen!

Hermonstau? – O wären sie’s nur,

Daß ihrer Tropfen Spur

Deine ewigen Höhen benetze!

Ich aber, ein Tier der Wüste,

Kann nur heulen ob deinem Falle;

Nur, wenn im Traume die Zukunft mich grüßte:

Heimwallende Scharen – zum Liedeshalle

Meine Schmerzen alle,

Zur jubelnden Harfe waren.

Um Bethel stöhnt mein Herz,

Um Peniël muß ich weinen,

Um Machanaïm und die reinen

Stätten alter Gottesschau!

Dort ließ der Herr sich finden

Und wohnte im lichten Flor,

Dort ließ dein Schöpfer münden

Deine Tore ins schimmernde Wolkentor

Hoch oben in ewiger Ferne:

Und war deine Fackel und Leuchte und Licht,

Und Sonne und Mond, sie leuchteten nicht,

Und ach, wie bleichten die Sterne!

Sein ewiger Geist ergoß sich dort

Auf herrliche Kinder der Wahl:

O könnte an jenem heiligen Ort

Auch meine Seele immerfort

Ergießen ihre Qual!

O Königshaus! O Gottesthron!

Wie darf ein Knecht und Knechtessohn

Auf Heldenthronen prahlen?

Könnte ich wandern über die Stellen,

Wo der Herr sich so herrlich gezeigt,

Wo er in Flammen sich, strahlenden, hellen,

Deinen Priestern und Sehern geneigt!

Flügel, wer gibt mir mächtige Flügel,

Daß ich mich schwänge zum Lande der Lust,

In eure Risse, ihr zackigen Hügel,

Trüge die Risse der leidenden Brust.

Oh, dann stürzte ich jubelnd nieder,

Meine Arme griffen das Land,

Streicheln würd’ ich die Steine, die kalten,

Schmeichelnd würd’ ich dich fassen und halten –

Du, der Heimat glühender Sand!

Wie erst, stünd’ ich dort an den Grüften,

Die mir künden der Väter Gruß,

Könnte durchwandern in Hebrons Lüften

Stolzeste Gräber mein zagender Fuß!

Oh, dann schritt’ ich durch deinen Garten,

Ginge waldüber nach Gilead,

An deinen Bergen und Felsenwarten

Staunt’ ich die durstige Seele mir satt.

Hor, Abarim, o ewige Wonnen!

Mose und Aaron, begrabene Sonnen,

Leuchten und Lehrer, wo finde ich euch?

Seelenlabe sind deine Lüfte,

O du hochgesegnetes Land,

Deine Ströme sind Honigdüfte,

Myrrhe spendet dein wirbelnder Sand.

Doch das süßeste Sehnen für immer

Bleibt bei deinen Hallen stehn,

Zion, über deine Trümmer

Möchte ich nackt und barfuß gehn:

Sehen, wo die heilige Lade

Am geheimsten Orte stand,

Wo im stolzesten Flügelrade

Man die goldenen Engel fand!

Herunter das Haar vom lockigen Haupt,

Herunter dir von der Stirne geraubt

Des Reifes goldene Bande!

Fluch dem Geschicke, Fluch der Zeit,

Die heilige Häupter so schmählich entweiht

In schmacherfülltem Lande!

Essen und Trinken, wie kann es mir munden?

Deine Löwen seh’ ich zerbissen von Hunden,

Deine Aare zerrissen von gierigen Raben –

Licht des Tages, wie kannst du mich laben?

Ha, du Becher des Grams,

Fort mit dir, lasse mich los!

Angefüllt ist meines Leibes Schoß

Schon längst mit bitteren Gallen!

Um Israel hob ich den Kelch zum Mund,

Um Juda leert’ ich ihn bis zum Grund,

Kein Tropfen der Hefe gefallen!

Zion, Zion, du Krone der Zeit,

Schönheit und Liebe sind dein Kleid,

So hältst du die Kinder gefangen;

Sie lachen mit dir zur Lachenszeit,

Sie stöhnen um dein bitteres Leid,

Um dein Ende tropfen die Wangen.

Sie schmachten aus Kerkersnöten empor,

Sie neigen sich deinem ewigen Tor,

Wenn ihre Gebete trauern.

Deine irrenden Herden allzumal,

Verjagt vom Berg ins dunkle Tal,

Ach, sehn nur deine Mauern!

Sie klammern sich fest an deinen Saum,

Und hoch in den schwankenden Wipfelraum

Deiner Palmen greifen die Hände: –

O Sehnsucht sonder Ende!

Wohlan, wer will sich messen?

Ha, Patros, Schinear,

Wagt ihr’s?

Habt ihr vergessen,

Vergessen ganz und gar

Das heilige Zionpriesterkleid?

O über eure Nichtigkeit,

Und eure morsche Größe!

Nein, neben dich kann niemand treten,

Kein König kommt den deinen gleich:

Was sind die Allerweltspropheten

Vor deinem heil’gen Priesterreich?

Ach, alles stürzt von seinen Thronen,

Es sinkt der falschen Götter Recht,

Doch ewig bleiben deine Kronen,

Dein Schatz ins tausendste Geschlecht!

Du Gottessehnsucht, Menschensehnen! –

Wem deine Mauer wieder Heimat bot,

Heil ihm, und wer durch Sehnsuchtstränen

Erblickt dein ew’ges Morgenrot!

Dein Morgenrot, da alle Wolken fallen,

Und hundertfacher Glanz vom Himmel bricht,

Da deine Kinder jauchzend heimwärts wallen,

Und in des Jauchzens Heil und Widerhallen

Aufstrahlt dein altes königliches Licht! –


Im Orient ist mein Herz, im Okzident,

Am letzten Saum, verträume ich die Stunden.

Kann Trank und Speise, noch so süß, mir munden?

Kann ich Gelübde, kann ich Schwüre halten,

Solange Zion liegt in Roms Gewalten?

Läßt mich Arabien nicht im Kerker kümmern?

Und was ist Spaniens reichste Flur,

Was ist sie vor dem Staube nur

Auf Zions, – Zions Trümmern? –


Komm mit mir gen Zoan,

Zum Schilfmeer und Horeb;

Wandeln will ich nach Silo,

Zu gesunkenen Tempels Trümmern.

Wo die Lade einst zog,

Da will ich ziehen,

Wo sie begraben ist,

Da will ich knien;

Küssen den Staub

Süßer als Seim,

Schauen die Auen,

Die schönen, daheim,

Schauen das öde,

Vergessene Nest; –

Oh, wenn ihr wüßtet:

Die Täublein zerstoben,

Rabenbrut nistet

Dort oben.


Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll,

Und kam mich doch ein Zittern an:

Nach Zion mir die Sehnsucht schwoll,

Da gabest du mir liebevoll

Ermutigung, Berater!

Und gabst mir deinen Namen her,

Als Stab daran zu wallen;

Nun schreit’ ich hin, doch ist es mir,

Als müßt’ ich Schritt um Schritt vor dir

In meine Kniee fallen.

VII.
DAS MEER

DER STURM

1

In Wolkenräumen

Dort richtet er,

Der Gnaden Säume

Wallen aufs Meer.

Der Mensch alleine,

Wenn Gott ihm fehlt,

Dient er dem Scheine

Vom Trug beseelt.

Aus Alltagsgrüften

Steht froh er auf,

Eilt übers Meer

Den Heldenlauf.

Doch ach, in Banden

Der Schuld gefällt,

Muß östlich landen,

Wer westlich hält.

Und er gesteht:

Nicht seine Kraft

Weist ihm den Weg

Der Wanderschaft.

Dann muß verzagen

Das arme Herz

Und klagen und fragen

In Angst und Schmerz:

Vor dir, dem Einen,

Wo soll ich ziehn?

Wohin vor deinem

Geiste fliehn?

2

Wie donnernde Räder rasen die Wogen

In mächtigem Sturz übers brausende Meer,

Es finstert der Himmel, von Wolken umzogen,

Es schäumen die Fluten dahin und daher.

Da hebt sich der Abgrund und steigt in die Lüfte,

Sein Brüllen bis hoch an die Wolken hallt,

Es kochen die Tiefen, es schreien die Grüfte,

Und keiner bändigt die tolle Gewalt.

Es sinken die Helden! die Stürme zerjagen

Zu Bergen und Tälern den donnernden Schlund:

Turmhoch das Schiff in die Lüfte getragen

Saust es hinab in den gähnenden Grund.

Da suchen die Augen nach Schiffern und Knechten: –

O schweige mir, Herz, und hoffe auf ihn,

Der einst uns an Moses gewaltiger Rechten

Durch Schlünde des Meeres ließ ruhevoll ziehn.

So ruf’ ich ihn an, den Herrn aller Herren!

Und fürchte nur eins: Meiner Sünden Gewalt.

Ach, wenn sie nur jetzt nicht den Weg mir versperren,

Nur jetzt nicht mein Jammern, mein Flehen verhallt!

3

Ha, das Meer! Wie rast es wieder!

Ha, der Ost! Wie schmettert er nieder

Mächtig den stolzen zedernen Mast!

Schüttet herab den Sturm seiner Grimme,

Daß sich der Nacken der Stolzen krümme,

Und der Schiffsherr zitternd erblaßt.

Kraftlos hängen dem Maste die Schwingen,

Kann sie nicht heben, weiter zu dringen,

Feuerlos siedet die Flut im Föhn.

O wie verzweifeln die Herzen und stöhnen,

Da sie die Ruderer hilflos frönen

Und die Ruder sinken sehn.

Armer Schiffsherr, Steuermann schlechter,

Dumme Ruderer, blinde Wächter,

Wo, wo ist nun euer Mut?

Trunken tanzt das Schiff im Winde

Und verschleudert an die Gründe

Alle euch als feiles Gut.

Seht, schon regt der Leviathan die Flossen,

Kommt durchs tosende Meer geschossen,

Ruft wie ein Bräut’gam die Gäste zum Schmaus;

Und das Weltmeer mit gierigem Munde

Schlingt seine Beute zum untersten Grunde: –

Alles verloren, alles aus!

4

Nun schmachtet nach den Höhen

Zu dir mein Augenpaar

Und bringet dir mein Flehen

Als ernste Gabe dar.

Nun zittr’ ich meiner Zeiten

Und bebe, wo ich bin,

Wie Jona muß ich breiten

Die Arme nach dir hin.

Laß mich ans Schilfmeer denken

Und träumen immerzu,

Laß mich die Sehnsucht senken

Im Liede nun zur Ruh!

Der Jordanwunderzeiten

Erfreu’ sich meine Brust,

Das Herze mag sich weiten

Als wie von Edens Lust;

Bis es zu ihm getragen,

Der Bitteres versüßt,

Und der des Grimmes Tagen

Als Tag der Hilfe grüßt.

Ja, meine Augen hellen

Zu ihm sich himmelan:

Er legt durch Meer und Wellen

Uns eine sichre Bahn.

Und endlich auch sein Toben

Uns Menschenkindern frommt,

Da Winter uns und Sommer

Aus seinem Odem kommt.

5

So hat er seinen Zorn gewandt

Vom niedern Sohne seiner Magd,

Befreite aus dem Totenland

Die arme Seele, die verzagt.

Nun eilen schon die goldnen Höhn

Hernieder auf den wilden Grund

Und bringen den erregten Seen

Hinab den schönsten Friedensbund.

Da schweigt denn ganz der Schreckenslaut,

Es ruht wie Oel das wilde Meer,

Und keiner bebt und keinem graut,

Und Freudenstimme rings umher.

An die verzagten Herzen dringt

Der Liebe Engelstimme schon,

Ihr Schreiten aus den Höhen klingt,

Ein tief geheimnisvoller Ton.

So wird die Botschaft ausgesandt

Dem Volk, das lang im Joche rang,

Und das so hart des Drängers Hand,

Des Leides Faust in Ketten zwang.

Du wildbewegtes Volk der Wahl,

Du gleichst dem Schiff in Sturmesnot,

Doch naht gewiß auch dir einmal

Das liederweckende Gebot:

Heraus, heraus aus finstrer Nacht,

O liebes Kind, zum Sonnenfirn,

Sieh, Gottes himmelhohe Pracht

Strahlt herrlich über deiner Stirn.


Holder Zephyr, deiner Lüfte

Schwingen tragen Nardendüfte,

Duft vom Apfelblütenstrauß!

Wo des Krämers Würzen liegen,

Dort begann dein frisches Fliegen,

Nimmer in des Sturmes Haus.

Schwalbenflügel schwingst du leise,

Freiheit lautet deine Weise,

Myrrhen streust du hin und her.

Ach, wie freuen sich die Scharen,

Die auf lockrer Planke fahren

Mit dir übers weite Meer.

Laß das Schiff nicht aus der Rechten,

Nicht am Tage, nicht in Nächten,

Brich durchs Meer ihm seine Bahn!

Banne fest die tiefen Gründe,

Bis, die Ruhstatt deiner Winde,

Gottes heil’ge Berge nahn!

Schilt den Ost, den Meeresstürmer,

Flutenkocher, Wogentürmer:

Hab’ ich denn noch freie Bahn?

Ich Gefangner von Gewalten,

Die noch jetzt im Zaum gehalten,

Losgerissen schon mir nahn?

Das Geheimnis meiner Flehen

Bleibt bei Gottes Händen stehen,

Der es mir verborgen hält:

Er, der Höchste, schuf die Höhen,

Er hat auch der Winde Wehen

Heute gnädig mir bestellt.


Kommt die große Flut mit einem Mal?

Läßt kein Land sich schauen in der Runde?

Mensch und Tier und Vogel flohn die Stunde:

Ist’s das Ende? Kommt die Todesqual?

Säh’ ich einen Berg, ein Tal allein,

Würde meine Seele ruhig werden,

Und ein wüstes Fleckchen dieser Erden,

Würde jetzt mir süße Labe sein.

Ach, die Augen gehen um im Kreise:

Nichts als Himmel, Flut, des Schiffes Knochen,

Der Leviathan macht die Tiefe kochen,

Und die Wellen schaun wie wilde Greise.

Und das Meer verbirgt uns in den Wogen

Wie der Räuber sein gestohlenes Gut: – – –

Mag es rasen! Fröhlich ist mein Mut:

Näher kommt die Heimat schon gezogen!

VIII.
LETZTE TAGE

IN ÄGYPTEN

Die Städte sieh und sieh den Strand,

Wo einst ihr heimisch wart:

So ehre auch das fremde Land

Und tritt es nicht zu hart.

Mach deine Sohle sanft und weich,

Die durch die Straßen geht,

Denn einst durch dieser Straßen Reich

Schritt Gottes Majestät.

Er neigte sich an Tür und Tor

Nach deinem Bundesblut,

Und jeder sah’s: Er schritt euch vor

In Wolke und in Glut.

Aus dieses Landes Felsen kam

Dein Bundeshort heraus,

Und deine Quadern, alter Stamm,

Die waren hier zu Haus!


Hat die Zeit das Kleid des Leides

Ausgezogen und das Kleid des

Lachens endlich angelegt?

Sieh die Welt im Byssuskleide

Hingelehnt in Gold und Seide,

Wie sie ihre Glieder regt!

Sieh am Strome das Gefilde,

Das mit Gozens schönem Schilde

Seine bunten Ufer hüllt;

Und der Steppe Blumenbeete

Und die alten Trümmerstädte,

Die ein goldnes Leuchten füllt;

Und am Strand die süßen Frauen,

Gleich Gazellen anzuschauen,

Nur nicht so geschwind zu Fuß:

Denn an ihren Armen hängen

Spangen, und den Schritt beengen

Güldner Ketten Klingegruß.

Ach, schon ist das Herz gefangen,

Und des Alters bleiche Wangen

Sind vergessen auf der Flur:

In Aegyptens Paradiese,

An dem Strome, auf der Wiese,

Denk ich meiner Jugend nur!


TODESAHNEN

Wollt ihr Liebes mir vergelten,

Sendet meinem Herrn mich zu!

Eh’ ich unter seinem Zelte

Glücklich nicht das meine stellte,

Find’ ich Armer keine Ruh’.

Haltet mich nicht auf zu eilen,

Da mich schon die Angst erfaßt:

Unter seinem Flügel weilen

Und der Väter Ruhe teilen

Bleibt doch meine einz’ge Rast.


Dein Wunder geht durch alle Zeit

Und kündet uns, was Väter sahn:

Des Stromes Wasser wurde Blut,

Da war kein Spruch, kein Zauber gut,

Dein Name hat’s getan!

Dein Name und der Wunderstab,

Den legtest du in Moses Hand:

O führ’ auch meinen frommen Mut,

– Das geht so schnell, das geht so gut –

In deiner Wunder Land.

JEHUDA HALEVI,
seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen

von
Emil Bernhard

I

Das Land Spanien breitet nach Süden seine Arme aus. Durch die Geradlinigkeit des Pyrenäenrückens von Europa getrennt, vermag es keinen regeren Verkehr mit den Völkern nördlich des Gebirges zu erzeugen, zumal die Stämme, welche am Fuße der bergigen Mauer wohnen, jenseits und diesseits einander zu ähnlich sind, um durch gegenseitige Bekanntschaft angeregt und bereichert zu werden. Darum wendet Spanien dem übrigen Europa den Rücken zu. Wie es aber im Norden verriegelt ist, so hält es im Süden die Tore offen. Während bis zum Guadalquivir hinab sich jenes weite zusammenhängende Hochland der iberischen Meseta erstreckt, das ein echt kontinentales Klima extremer Sommer- und Wintertemperaturen aufweist, beginnt nach Osten, Süden und Südwesten hin ein ganz anderes und wundervolles Bild. Ein Armausbreiten in der Tat: Als wenn das ganze Land in Liebe sich ergösse, treibt es die volle Herrlichkeit des Südens hervor. Es ist die Sonne der Mittelmeerländer, die hier scheint, ihre Blume ist es, die hier blüht, ihr Regen, der hier rauscht. Hier haben wir die wilden Gewitter, die im Nu kommen, und im Nu vergehen, den feinen Sonnenregen zurücklassend über der perlenbesäten Flur. Hier wandeln wir durch die lichten Wälder, die Maquidickichte, die Huertas und Vegas, jene herrlichen Gartenoasen, von Bächen durchrauscht hierhin und dorthin, wo die Granate flammt, und der Apfelbaum schimmert in der lichten Pracht seiner Blüten. Hier rauschen die Morgen- und Abendwinde über taubedeckte Täler und künden die Nacht an, die nirgends emporsteigt wie hier, so träumerisch erhaben, so schlummernd wach, so einsam und so beredt. Das ist das Land Andalusien, von dem der alte arabische Dichter einst sang: „Da es emportauchte aus des Meeres Flut, ward es wie eine Perle aus der Muschel gehoben. Da erbebten die Wogen vor Entzücken, als sie sich legten wie eine Kette um seinen Hals. Darum lächeln noch immer in ihm wonneerbebende Blüten, darum schmettern in ihm die Nachtigallen auf lauschenden Zweigen. Hier ist die Heimat meiner Lust. Weh mir, wenn ich je sie verlassen müßte! Hier nur ist ein Garten, die ganze Welt eine Wüste.“ Und als der unglückliche Emir von Sevilla, Al Motamid, im fernen Marokko eingekerkert saß und seine wundervollen Elegien sang, da bebte die Schönheit Andalusiens durch sein Lied: „O wie gerne möchte ich wissen, ob ich meinen Garten und meinen See wiedersehen werde in jenem stolzen Lande, wo die Oliven grünen, wo die Tauben girren, wo die Vögel ihr liebliches Gezwitscher ertönen lassen.“