V
Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte,
Und ihr Licht erlöscht in keinem Dunkeln:
Leuchtet es im Tagesangesichte,
Wächst es an zu siebenfachem Funkeln.
Zeigte Liebchen mir die Wangen,
– Mitternächt’ge Stunde war’s –:
Um die zarten Schläfen hangen
Tief die Schleier ihres Haars.
Von Rubinen hell umgossen
Ihre frohe Wange war,
Und vom klarsten Licht umflossen
Schien die dunkle Locke gar.
Wie die Sonne, wenn im holden
Morgenstrahl die Flamme loht: –
Dunkle Wolken werden golden,
Dunkle Wolken werden rot.
Liebe Sänger, singt den Trauten
Holde Lieder zu den Lauten
In dem schönsten Wechselsang!
Singet den verhüllten Blicken,
Die verstohlen schaun und nicken
Durch des Fensters Seidenhang.
Sie, die Keuschen hinter Gittern,
Die da lernten von den Müttern
Rein zu halten Herz und Leib;
Und die doch mit Pfeilen spielen,
Kindlich mit dem Bogen zielen
Ahnungslosen Zeitvertreib.
Weh, geschossen und getroffen!
Klaffend steht die Wunde offen:
Ach, sie ahnten keinen Harm;
Sie, die nie an Schwerter rührten
Und als einz’ge Waffe führten
Ihren Alabasterarm.
Sie, die Schwachen, Müden, Süßen,
Die das Kettlein an den Füßen,
Allzu schwer das Ringlein drückt;
Deren Auge bei den Lasten
Ihrer seidnen Wimperquasten
Kaum ein stiller Aufschlag glückt.
Aber wenn es einmal blicken
Und empor zur Sonne schicken
Seine heißen Flammen wollt’,
Schwarz verbrennen in der Ferne
Würd’ an diesem Feuersterne
All der Sonne rotes Gold.
„Werde Licht!“ so spricht die Wange,
„Werde Nacht!“ die Lockenschlange
Dieser holdgeliebten Schar.
Ihre weißen Kleider hüllet
Licht der Liebe, Nacht erfüllet,
Leidesnacht ihr dunkles Haar.
O ihr Leuchten meines Lebens,
Ist mein Herz nicht eures Schwebens
Firmamentisch Himmelszelt?
Rollt ihr nicht in ew’gen Gleisen
Und in immer neuen Kreisen
Durch dies Herze, diese Welt?
Ach, ihr zarten, freudereichen,
Traubenschwerem Weine gleichen,
Wie er Zweig und Wurzel trägt!
Ach, ihr Lippen, Schönheitsboten,
Wie ihr eure doppelt roten
Polster um die Perlen legt!
Zürne, Herze, nicht den Kecken,
Wenn gar ihres Auges Necken
Falsch aus falschem Fenster schaut:
Diese Aepfel, wie sie hangen,
Diese Lilien auf den Wangen
Sind ein süßes Heilekraut.
Sieh den Wuchs gleich einer Palme,
Der gleich windbewegtem Halme
Lieblich seine Hüften wiegt!
Jedes Herze, mußt du wissen,
Kaum gefangen, schon zerrissen
Blutend ihr zu Füßen liegt.
Soll man sie nun schuldig sprechen,
Da sie nur, um sich zu rächen,
Gegen unsre Herzen gehn?
Für die Blumen, die wir Frechen
Täglich von den Beeten brechen,
Die in Wangenblüte stehn?
Auf, zum Richter will ich schreiten:
Seine Schwingen, seine weiten,
Sind der Weisheit Schutz und Hort.
Er, der über Tod und Leben
Richtet, soll die Antwort geben:
Still, er kündet Gottes Wort! – –
– – – –
Was geht noch auf die Sonne,
Was leuchtet sie uns noch?
Der Mädchen Allerschönste
Verdunkelte sie doch.
Magst, Sonne, du erröten
Vor ihrem holden Glanz,
Mag aus den Bahnen treten
Der Sterne lichter Kranz!
Was braucht die süße Taube
Noch eure hohe Welt? –
Sie macht die Myrtenlaube
Sich selbst zum Himmelszelt.
ZUR HOCHZEIT
Mög’ des Paares holder Bund
Israel zum Segen frommen!
Tu’ das nächste Jahr uns kund,
Daß ein neuer Stern entglommen.
Daß in ihren Tagen dann
Froh man meinem Volke kündet: –
Des Erlösers Leuchte hat
Gott dir angezündet.
IV.
FREUNDSCHAFT
Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz;
Zürnst du noch lang, so bricht mein Herz.
Bist du nicht Arzt? Was willst du noch?
Unheilbar Weh, du heilst es doch!
Trink Milch und Wein von meinem Mund,
Um Wein und Milch mach’ mich gesund.
Mein ganzes Herz ist dir bestimmt:
Greif zu, eh es ein andrer nimmt!
„Sehnt sich deine Seele noch
Nach der Jugend Borden,
Da die dunkle Locke doch
Lang schon weiß geworden?
Soll das Leben für den Rest
Dich noch lachen lehren,
Da es reichlich dir entpreßt
Bitterste der Zähren?
Täglich gibst den Scheidebrief
Du der Welt im Schmerze,
Aber täglich widerrief
Ihn dein schwaches Herze.
Ob sie dir ins Antlitz spie
Und verwarf dein Minnen,
Stets durch neue Gaben sie
Willst du dir gewinnen.
Schon die weiße Taube küßt
Dir den müden Scheitel;
Fort der Rabe, und noch ist
Jugend dir nicht eitel?
Sag’, wer soll die arme Brust
Wieder dir verjüngen,
Wird die lang verwehte Lust
Noch einmal gelingen?
Wer soll wieder deinem Fuß
Güldne Kettlein geben,
Deine Hand zum Freudengruß
Auf die Zimbel heben?“ – –
– So fragt mancher, aber bloß,
Wer das Aug’ nie kannte,
Das vom Westen, sonnengroß,
Mir sein Leuchten sandte.
Diese Sonne wird mich nicht,
Nimmermehr versengen,
Wird als Schmuck ihr Strahlenlicht
Um den Hals mir hängen,
Auge, auch dem Vollmond nicht
Gleichst du, fühlt der Dichter:
Der verliert sein mattes Licht,
Du wirst immer lichter.
Hast mir auch zurückgebracht
Helle Jugendträume,
Die ich weit und fern gedacht
Längst in alle Räume.
Und weil so dein heller Strahl
Sprach ein neues „Werde!“
Kann ich lieben noch einmal
Diese schöne Erde.
Viele schon in meinem Herzen schufen
Sich ein Heim: – Du sollst der Beste sein;
Wird mein Herz dereinst die Freunde rufen,
Sein Berufener bist du allein.
Wenn ich über aller Sterne Schimmer
Dann das Herz erhebe zu dem Firn,
Find’ ich überm hohen Himmel immer
Höher noch und stolzer deine Stirn.
Dehnend dann, um deine Kraft zu fassen,
Dieses Herze weit und weiter dringt,
Bis es grenzenlos dahingelassen
Rauschend aus der Erdensphäre springt.
Staune nicht, ob meines Herzens Schoße,
Daß du ihn so tief, so groß empfandst:
Mich laß staunen, daß du dieses große,
Dieses Herze so erfüllen kannst.
ABSCHIED
1
Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen:
Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen,
Und Unrecht ist’s, die Zeiten anzuklagen: –
Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen!
Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen,
Die Sphären laufen nach gerechten Plänen.
Auch ist schon alles einmal dagewesen,
Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben,
Und neues ist hienieden nicht zu lesen;
Wo seines Siegelringes Spur geblieben,
Da blieb es, wie es war, und alles Neue
Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben;
Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue;
Daß Völker sich aus einem Volk gebären,
Brach man in alten Zeiten sich die Treue;
Und wenn nicht jene alten Zeiten wären,
Da sich die Menschen trennten ohne Reue,
Die Welt wär’ menschenleer und öd’ geblieben.
2
Und andre Dinge gibt’s in diesem Leben,
Der eine nennt sie gut, der andre schlecht,
Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben;
Der eine hat dem Leben abgeschworen
Und wird zum Fluche gleich die Arme heben,
Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren.
Demselben Tag, den andre wieder preisen,
Und dessen Stunden ewig unverloren
Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen.
Den jungen Lippen und den lebensroten,
Zu Honig werden ihnen alle Speisen,
Den Kranken wird im Honig Gift geboten;
Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen,
Sein Aug’ schaut nie des Lichtes Wunderboten,
Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; –
Mein Auge auch versank in dunklen Nächten,
Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen,
Als heute schied der Freund von meiner Rechten.
3
Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde,
Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten
Und Edelstein im allertiefsten Grunde.
Als ungezäumt noch seine Rosse standen,
Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde
Und froh in friedevollen Menschenlanden.
Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben,
Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden,
Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben.
Auf grünem Hügel hat sie uns geboren,
Wir lagen an den Brüsten süßer Reben,
Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. –
Nun denk’ ich dein auf ödem Hügelland,
Das gestern, da es dich noch nicht verloren,
In Blumenbeeten und in Düften stand;
Nun hängen heiße Tränentropfen nieder
Von meiner Wimper schwer benetztem Rand,
Und jede Träne hängt im Blute wieder:
Du bist dahin! – Nun stehn auf deinen Wegen
Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder,
Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen.
O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen
An ekler Speise, während Mannaregen
Und Süße einst auf deinen Lippen lagen.
4
Grimm und Glut den übermüt’gen Narren,
Die sich selbst für zehnmal weise halten
All in ihres Geistes dürren Sparren;
Ihre Götzen sind in ihren Hirnen
Reinster Glaube, doch als Zauber galten
Immer meines Glaubens klare Stirnen.
Wie sie sä’n und ernten ihre Gaben!
Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen,
Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben!
Hört mich, Freunde, Neues will ich künden:
Meine Perlen will ich tief vergraben,
Lichter hab ich, die sie wiederfinden.
Aber wenn die Narren zu mir kommen:
„Zeig’uns doch den Schatz in deinen Gründen!“ –
Eine Antwort soll allein mir frommen: –
Vor die Säue nimmer kommt mein Gold,
In die Wüste – habt ihr wohl vernommen? –
Niemals meiner Wolke Regen rollt!
Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten!
Ach, als wenn die Seele brauchen sollt’
Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten!
Ihr braucht mich, der Leib die Seele immer:
Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer
Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!
Ist’s der Myrrhe zartes Düften?
Oder Duft vom süßen Moste?
Oder ist es in den Lüften
Myrtenduft auf leisem Oste?
Sind es Tränen, die ich schaue,
Tränen auf verliebten Wangen?
Oder ist’s im Morgentaue
Rosenkelches Silberprangen?
Ist’s die Laute im Verstecke,
Die ich leise spielen höre?
Oder hinter jener Hecke
Sind’s die Nachtigallenchöre? –
Oder ist das alles nur,
All die Töne, all die Lichter,
Des Erinnerns süße Spur
An den weitberühmten Dichter? – –
– – – – – – –
AN AARON BEN ZION ALAMANI
Dieser Schlummer möge währen,
Diese Träume mögen glücken:
Zu dem Fürsten will ich wallen,
Dem sich meine Garben bücken.
Dessen Gaben hochzupreisen,
Mund und Herz und Seele singen,
Und aus dessen Liederquellen
Meine eignen Lieder springen.
Denn von seinen Lieblichkeiten
Sind die meinen nur entwendet:
Zürn’ er nicht, daß all mein Sinnen
Sich in ihm erschöpft und endet.
Trank die Erde wie ein Kindlein
Gestern noch an Wolkenbrüsten
Winternaß auf allen Hügeln;
Eingeschlossen manches Stündlein
Träumte sie von Liebeslüsten
Wie ein Bräutchen hinter Riegeln.
*
Kühle Riegel keuschen Eises;
Doch die Träume alle flogen
Zu dem nächtlich süßen Spiele;
Aber als mit eins ein leises
Frühlingswehen kam gezogen,
War ihr Träumen schon am Ziele.
*
Güldner Beete zarten Schimmer
Legt sie an und Blütendecken,
Buntgewirkt und buntgerändert –
Wie ein hübsches Frauenzimmer
Täglich unter Scherz und Necken
Neu sich kleidet und bebändert.
*
Täglich andre Farben, Blüten:
Wie ein Mädchen, ein geküßtes,
Blaß und rot im Liebeswallen.
Farben, wie sie niemals glühten:
Wie gestohlner Schimmer ist es
Aus den ew’gen Sternenhallen.
*
Kommt zum Garten mit dem Weine,
Laßt uns seine Gluten nippen,
Die entflammt am Liebesglühen:
Schneekühl in des Kelches Scheine
Läßt er hinter roten Lippen
Erst die große Flamme sprühen.
*
Aus der Nächte dunkler Halle
Steigt empor die goldne Sonne:
So der Wein aus seinen Krügen. –
Her die blitzenden Kristalle!
Schenkt ihn ein, den Saft der Wonne!
Trinken wir in vollen Zügen! –
*
Wandelnd nun im kühlen Schatten
Sehen wir im Sommerregen
Tränen auf der Erde Wangen;
Doch es freuen sich die Matten
Dieser Perlen allerwegen,
Die vom goldnen Halsband sprangen;
*
Freuen sich am Duft des Weines,
An der Schwalbe, an der Taube,
Die im Busche gurrt und flattert,
Wie ein Mägdelein, ein feines,
Hinterm Vorhang in der Laube
Heimlich kichert, leise schnattert.
*
Aber meine Seele wittert,
Ob vielleicht in Morgenlüften
Duft vom fernen Freunde schwebe;
Und im Wind die Myrte zittert,
Gibt dem Wind ihr zartes Düften,
Daß dem Freund er’s weitergebe.
*
Und die Vögel singen tausend
Lieder, und die Palmen mächtig
Rauschend ihre Zweige schwingen:
Hört mein Trauter, wie das brausend
Anhebt, und sich alles prächtig
Müht, ihm meinen Gruß zu bringen? – –
– – – – – – –
V.
LEBEN, LEIDEN, DICHTEN
Eine Taube schluchzt vom Zweige: –
Wird mir bitter weh zumute,
Denn ich finde ihre Schmerzen
In mir selber, und mein Schicksal
Ist dem ihren zu vergleichen.
Weint sie übers Heimatnestlein,
Wein’ ich meines armen Volkes;
Weint sie über Scheiden, Meiden,
Meiner Brüder in der Ferne
Muß ich stöhnen; aber wenn sie
Schluchzt um ihre jungen Tage,
Heb’ ich selber an die Klage
Ueber aller Welt Vergehen.
Abgehaun sind meine Zweige,
Meine Wurzeln ausgerissen,
Wie man ihr die Flügel stutzte;
Allenthalben böse Fallen
Drohen meines Schrittes Eile
Wie die Sprenkel ihren Füßen;
Und den Jäger muß ich fürchten,
Wie sie selbst die flinken Pfeile.
Wahrlich, Pfeile schnellt das Leben:
Scheibe ward ich ihren Schützen,
Und sie treffen in mein Blut
Und vergießen meine Galle,
Und in meine Wunden alle
Werfen sie mir Gift und Glut.
Stützte mich der Adel nicht
Meiner unerschrocknen Seele,
Wär’ ich tot in dieser Fremde,
Diesem Lande, dessen Tage
Nächte sind und Todesschatten.
Aber sie, die edle Seele,
Steigt mir wie das helle Funkeln
Einer Sonne, die nicht wendet,
Nie sich neigt zum Abenddunkeln.
Soll ich mich vor Menschen fürchten,
Da in mir das stärkste Leben
Solcher Seele ist, vor deren
Mächten alle Mächte beben?
Soll ich vor der Sorge zagen,
Da ich aus der Weisheit Schächten
Kann mir Diamanten schlagen?
Hungre ich, sie reicht mir Früchte,
Quellen meinem Durste springen;
Einsam kann ich nimmer heißen,
Da mir ihre Harfen klingen:
Und mit Freunden Rede tauschen
Brauch’ ich nicht, kann ich nur lauschen
Ihrer Worte weisem Singen.
Sieh, in meines Griffel Schreiben
Lebt mir Lautenspiel und Harfe,
Und der Weisheit Schriften bleiben
Gärtlein mir und Paradies.
Redet nur zur Welt, zur schlimmen:
Mag sie tun, was ihr gefällt;
Härter doch als ihre Dornen,
Stärker ist mein starkes Herz.
Darf ich ihre Weine kosten,
Will ich auch die Hefen nippen,
Besseres verlang ich nicht.
Denn erprobt ist meine Seele:
Alle gift’gen Bitternisse
Werden Honig meinen Lippen.
Mag die Welt in harte Ketten
Zehnmal alle Seelen zwingen,
Zehnmal meine Seele retten
Will ich aus den Eisenringen;
Auf zu einem neuen Leben
Will ich aus der Knechtschaft dringen,
Will mich rein und frei entheben
Ihrem trümmerreichen Sturz.
Ihre Schönheit lockt mich nicht:
Mag sie ihre Lichter stellen
Flammend vor mein Angesicht,
Ihre Säle, ihre hellen,
Mögen andere berücken,
Mir sind’s Gräber, die ersticken;
Ihren Reichtum, ihren Schimmer
Laß ich gerne, so wie immer
Gern die Seele läßt den Leib.
Hat sie sich nicht selbst geschändet,
Und ich sollte sie erheben?
Da im Kote sie geendet,
Zögre ich, sie hinzugeben?
Schlecht geschlungen ist die Krone,
Die aus ihrer Hand entlehnte,
Und erröten unterm Hohne
Müssen alle, die sie krönte.
Doch es lebt in mir ein Glaube,
Den ich nimmer lassen werde,
Und ein Bund, den nimmer brechen
Meine starke Seele wird.
Auf ein Leuchten will ich blicken,
Aus der Hand voll Glanz und Schimmer:
O wer weiß, sie kann noch immer
Ihre Morgenröte schicken!
Tragen will ich, alles tragen,
Meinen Kummer unterjochen;
Denn ein einzig starkes Nu:
Und die Kette ist gebrochen!
Wecken wird mich meine Stunde,
Meines Jammers jüngstes Tagen:
Und so harre ich der Kunde,
Gönne meinen Wimpern nimmer,
Daß sich ihnen Schlummer böte,
Immer an der Morgenröte
Wimpern lasse ich sie hängen:
Seelen, die sich selbst erheben,
Seelen, die in Hoffnung leben,
Gott wird ihre Tore sprengen!
Sie besuchten mich im Traume,
Wollten trösten, wollten laben;
Doch versiegelt und vergraben
Blieb ihr Trost im dunklen Raume.
Und von allen ihren Lehren
Hatt’ ich nichts als Herzensdarben,
Sah bei ihnen volle Garben
Und bei mir die dürren Aehren.
Ich von allen meinen Lieben
Bin allein in meiner Kammer
Heimgesucht von allem Jammer
Aller Nöte Kind geblieben. – –
Was noch kann die Zeit mir geben?
Such’ ich, was ich nie erworben? –
Ach, ich bin schon längst gestorben,
Und ich hab’ kein Recht zu leben!
Und als nun alle war mein Gold,
Hat sich der Freund davongetrollt.
Ich lief ihm nach: O hab’ Geduld!
Was zürnst du mir?
Was schuld ich dir?
Da rief er lachend: Deine Schuld
Ist klar:
Bist du nicht arm? –
Siehe, Menschensohn, siehe:
Alles ist Tand!
Ziehe aus, ja, ziehe
Die bunten Kleider der Freude,
Schlag um die Schultern das Trauergewand!
Das wird zerfallen,
Und wie’s zerfällt,
So du:
Das ist von allen
Den Mühn der Welt
Dein letzter Teil –
Die Ruh’!
Kann dich Reichtum locken, Herz?
Jagst du nach dem Glücke?
Kennst du nicht der Zeiten Trug,
All die falsche Tücke?
Wer sich lange Schleppen macht,
Kürzt sich seine Schritte,
Strauchelt bei der schönsten Pracht
Auf des Weges Mitte.
Liegt denn nicht die schlimme Zeit
Deinem Auge offen?
Und du hoffst? – O folge mir:
Höre auf zu hoffen!
Freue dich vor deinem Nächsten,
Ueble Laune lasse schwinden,
Und du wirst das Herz der Weisen
Und den Rat der Klugen finden!
Sei nicht schlecht und sei nicht dumm,
Auch nicht allzusehr gerecht,
Und erreichen wirst du alles,
Was dein Herz sich wünschen möcht.
Weh der Kunde, die im Ohre gellt: –
Keine Wahrheit gibt’s in dieser Welt,
Dieser schlimmen Welt der falschen Wagen:
Wenn ein Mann schon mit ihr leben will,
Sie zur Gattin sich erheben will,
Muß er sich mit einer Dirne plagen!
Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? –
Lebendig faßt dein gutes Wort mich an;
Doch sag’ ich: Nein! Was je mir Freude schuf,
War nur der Tropfen, der vom Eimer rann.
Das Naschwerk nur, das ich am Herde fand,
Das liebte ich, das hab’ ich mir erwählt,
Doch zu des Geistes Kränzen, die ich wand,
Hab’ ich mein leichtes Dichten nie gezählt.
Und ist die Weisheit wie ein Meer so weit,
Mein Lied ist nur der Schaum, der drüber weht:
Nicht Mauern will ich türmen als Poet,
Mein leichtes Ziel ist: Liebenswürdigkeit.
Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! –
Zur letzten Reihe stellte ihn das Leben;
Und als es endlich seine Reihe fand,
War alles Glück der Welt schon längst vergeben.
Auch er gehört zu der Berufenen Schar,
Hat niemand seinen Namen auch geschrieben:
Und wenn er selbst der Edelste nicht war,
Er ist im Kreis der Edlen doch geblieben.
Seh’ ich, wie Narren
Sich glücklich preisen,
Seh’ ich die Weisen
Hungern und harren: –
Schnell möcht’ ich laufen,
Den Verstand versaufen!
BECHERSPRUCH
Augen auf, mein Liebster traut,
Was im Kelche blinkt:
Schaue, eh’ der Nachbar schaut!
Trinke, eh’ er trinkt!