XI
Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. Der Dichter fühlte, daß er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel umhängt, trägt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes Bewußtsein ließ ihn das Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste Stufe die Stufe der Prophetie predigen ließ. Er wußte, was Offenbarung war. So konnte er von Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er sich so für einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt, doch wuchs sein Werk über ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg zu Gott zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst noch von ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm Lebensbedürfnis gewesen, wie süß war der sauer erkämpfte Ruhm. So erwuchs ihm die erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfüllt hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen entzündete sich in seiner Seele. Eine Zeit schwerer Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß läuterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi wollte Spanien für immer verlassen und nach Palästina wandern. Er wollte sterben für seine Welt, sterben für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das wahre Leben zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die vollkommene Tat zu Gott führe, brannte ihm die Seele. Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen werden konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war die letzte Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort war das Tor, „das von der Erde in den Himmel führt“, dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. Dort würde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher.
Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttäuschung für den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. Immer aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die Uebermacht: „Zion, Zion, du Krone der Zeit!“ Lächelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm unentrinnbare Selbstverständlichkeit geworden.
Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadîk sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Größe und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete:
Armut schließt uns unsre Rechte;
Darum, was die Seele möchte,
Reicht sie leider dir nicht dar:
Wie belohnen wir dein Künden,
Juda, der uns armen Blinden
Ein so großer Künder war?
Liedesvater, sag’ mir, zeugte
Dich der Dichterkönig? Säugte
Selig einst Deborah dich?
Seelen jagst du, nicht mit Schlingen,
Nein, in deiner Liebe fingen
All die frohen Herzen sich.
Deine Lippen sind so süße,
Deine Reden Heldengrüße,
Klar dein Wort und mannazart;
Löwe und Gazelle scheinen
Herrlich sich in dir zu einen:
Kraft und Schwäche hold gepaart.
Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann umarmte er zum letzten Male die geliebten Schüler, die Tochter, den kleinen Jehuda, um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl wußte er, daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlaßte ihn, die schöne Granatenstadt gar nicht zu berühren.
Es steht der Libanon vor mir,
Da darf ich nicht „Granaten“ pflücken:
So will es meiner Sünden Zahl,
Die Frevel so, die allzumal
Auf meine Seele drücken.
XII
So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer schätzt.
Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt. Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und konnte nur eines sein: – Gott.
Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach – es war im September des Jahres 1141 – eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi. Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen.
Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet, daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den Fenstern der Schönen.
Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist. So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus Damiette ein Bote des Abû Sa’îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern eine starke Stütze sein.
Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung. Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits genannten Abû Sa’îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der Liebe und Freundschaft. Abû Sa’îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? –
Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß er mitten im Jubel der ägyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, mit denen wir sein Leben beschließen wollen:
Wollt ihr Liebes mir vergelten,
Sendet meinem Herrn mich zu:
Eh’ ich unter seinem Zelte
Glücklich nicht das meine stellte,
Find’ ich keine Ruh’.
Haltet mich nicht auf zu eilen,
Da mich schon die Angst erfaßt:
Unter seinem Flügel weilen
Und der Väter Ruhe teilen
Bleibt doch meine einz’ge Rast.
XIII
Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen Jehuda Halevis zu sagen. Wer sie genießen will, muß es lernen, sich auf die kurze Zeit seines Genießens aller abendländischen Traditionen zu entschlagen. Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: Kunstwerk. Er fängt an zu singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und Komposition. Nirgends spürt man die bauende Hand, nirgends die Energie zügelhaltenden Künstlertums. Das singt und musiziert wie die Vögel im Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zählen immer nach Tausenden.
Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich hier kundtut. Der Abendländer ist induktiver, der Morgenländer intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort Denker. Der Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen, flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhüllt: Das Ganze. Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafür alles ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der Methode.
Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine Syntax. Die feinen Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser gesagt: sie sind teils verborgener, teils umständlicher als bei uns. Woraus die unendliche Schwierigkeit für den Uebersetzer entspringt. Der Uebersetzer muß in den Geist der semitischen Sprachen soweit eingedrungen sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander zu spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu subordinieren, ohne die zartesten Töne zu verwischen. Ist dies gelungen, so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. –
Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen und der jüdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem Hebräisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesängen der echte arabische Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig wandelbarer Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. Die Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem, die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft Trümmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes, alles so leicht, so bunt, so redselig ausfließend bis auf den letzten Tropfen, so echt – arabisch.
Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religiösen Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit des Arabers findet hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist, obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes Künstlertum wuchs: ein Künstlertum des Lebens. Die Harmonie des Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte, die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig ordnende und bauende Gedanken. Und vor allem: Für Jehuda Halevi war es lebendiges Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie sein Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten: Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte Stimmungen, harmonische Steigerungen und Lösungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste Einheit des künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen moderner Stimmungen werden hier ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter dem Zeitalter der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird verständlich, wenn wir erwägen, daß er in seinem Lande das Kind einer blühenden Hochkultur gewesen ist.
So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die ursprünglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die höchste Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten.
Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen findet, die mit seiner Seele klingen. Dem, der ihn übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger Boden: Ecce poeta.
[1] Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation führen.
[2] Dajan ist der jüdische Gemeinderichter.
QUELLENNACHWEIS
Nach zwölfjähriger, immer wieder neu aufgenommener Arbeit läßt der Uebersetzer diesen Diwan erscheinen. Die hier gebotenen Uebertragungen sind ursprünglich mehr oder weniger freie Nachdichtungen gewesen. Erst allmählich erwachte in dem Uebersetzer aus dem Interesse, sich von dem mittelalterlichen Sänger Anregungen zu seinem eigenen Schaffen geben zu lassen, das Interesse, diesem Sänger selbst zum Rechte zu verhelfen. Dieses Interesse stieg mit der wachsenden Erkenntnis, daß alles bisher an Uebersetzungen Gebotene ohne Ausnahme ungenügend war. Von den Schwierigkeiten, die freilich solcher Uebersetzung von Versen aus einer semitischen in eine indogermanische Sprache entgegenstehen, war bereits am Ende der biographischen Darstellung die Rede. Es bleibt der Oeffentlichkeit überlassen zu beurteilen, wieweit diesmal das Erforderliche geleistet worden ist.
Neben der Uebersetzung hat der Uebersetzer sich vor allem die sorgfältige Auswahl der Gedichte angelegen sein lassen. Sein Bestreben war, den Dichter in seinem ganzen Können zu zeigen, aber alle Wiederholung des nach der Sitte orientalischer Barden sich nur zu oft Wiederholenden möglichst zu vermeiden. Die Auswahl, die wir bieten, zeigt in Wirklichkeit den ganzen Dichter.
Das Nachwort macht zum ersten Male den Versuch, das uns fast gänzlich unbekannte Leben Jehuda Halevis aus seinen Gedichten neu zu konstruieren. Die Art der Veröffentlichung verbot dabei, den ganzen wissenschaftlichen Apparat mit erscheinen zu lassen. Hier am Schluss nur soll der Quellennachweis folgen: Die hauptsächlich von uns benutzte Ausgabe ist die von Dr. H. Brody, Divân des Abû-l-Hasan Jehuda ha-Levi, Berlin 1894, 1896-97, 1903 in zwei Bänden mit Anmerkungen und Kommentar. Leider ist diese klassische Ausgabe noch immer nicht vollständig erschienen. Wir mußten deshalb ergänzend noch folgende ältere Ausgaben heranziehen: 1. Diwân des Rabbi Jehuda ha-Levi, herausgegeben von S. D. Luzatto, Lyck 1864, eine ausgezeichnete, aber nur 86 Stücke lediglich religiösen Inhalts umfassende Ausgabe. 2. Rabbi Jehuda ha-Levi von Abraham Elia Harkavy, Warschau 1893, eine ganz unselbständige und textlich unzureichende Arbeit.
Wir zitieren nach den Herausgebern.
1. Gott: Du Quell des wahren Lebens ... liqrath m.qor chajê emeth arûçâ: Brody II, S. 296, Nr. 75 (in die 2. pers. sing. übertragen).
Wenn die Sterne sich entzünden ... j’îrûn kokhbhê nishpi: Luzatto Nr. 37, S. 15 a.
Du Seele willst ins Vaterhaus ... nêfesh l.bêth âw thikhs.fâ gam kâl.thâ: Brody II, S. 306, Nr. 89 (in die 2. pers. sing. übertragen).
Mein Leib und Leben ... jiçrî wîçûrâj: Luzatto Nr. 71, S. 29 a.
Um sein Antlitz alle Frommen flehen ... jchallu pnê êl chaj chasîdâw w.jishalu: Luzatto Nr. 24, S. 11 a.
Gottes Hand wird dich beschatten ... çêl j.dê êl j.hî lokh machase: Luzatto Nr. 35, S. 14 b.
Zu dir steht all mein Sehnen ... ’adonaj negd.kha kol ta’awâthi: Luzatto Nr. 52, S. 18 b.
Hin nach meines Lebens Quelle ... ligrath m.qôr chajaj ’etên m.ghamâthî: Luzatto Nr. 56, S. 21 a.
Wenn du allein des Herren harrst ... ’im l’elohâjikh l.bhad tochîlî: Brody II, S. 248, Nr. 27.
Halt, o Herz! Wer darf sich wagen ... libî ‘amôd kî mî b.sôd: Brody II, S. 218, Nr. 8.
Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte ... ‘abhdê z.mân ‘abhdê ‘abhâdim hêm: Brody II, S. 300, Nr. 83.
Tag und Nacht will ich den Herren loben ... jômâm wâlailâ hallêl la’adônay: Luzatto Nr. 34, S. 14 b.
Jugend ist wie leichte Flocken ... j.shênâth b.chêq jaldûth l.mâtay tishkh.bhî: Luzatto Nr. 42, S. 16 a.
Mein Gott, ich will dich ehren ... joh shimkhâ: Luzatto Nr. 65, S. 24 a.
Bevor du mich geschaffen ... j.dâ‘tânî b.terem tiçrênî: Luzatto Nr. 30, S. 13 a.
Ruhig, ruhig, liebe Seele ... shûbhî j.chîdâ el m.nûchêkh: Brody II, S. 217, Nr. 5.
2. Israel: Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft ... b.khol m.ôdî: Brody II, S. 221, Nr. 10.
Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter ... shemesh w.jarêach l’olâm shêr.thû: Brody II, S. 307, Nr. 90.
Sei stark und harre deiner Zeit ... je’emaç l.bhabhêkh umô‘adekh jachali: Luzatto Nr. 27, S. 12 a.
Seit du das Heim der Liebe bist ... mê’âz m’ôn ha’âhabha hajîtha: Luzatto Nr. 58, S. 21 b.
Entfessle deine rechte Hand ... j.mîn ’uzzkhâ êl w.jad ezrêkhâ: Luzatto Nr. 17, S. 7 b.
In deinem Licht schläft aller Glanz ... jachad b.’orkhâ êl nâ’ôr nir’ê ’ôr: Luzatto Nr. 700, S. 28 b (mit Auslassung der letzten Strophe).
In deinem Haus zu ruhen ... jâfê w.tobh le’chôz b.bhêthâkh machanê: Luzatto Nr. 31, S. 13 a.
Fauler, wirst du nicht erröten ... ’âçêl halô thebhôsh w.thikâlêm: Brody II, S. 272, Nr. 50.
Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort ... ’ôthôthênû hithmahmâhû: Luzatto Nr. 80, S. 36 b.
3. Liebe: Ofra wäscht ihre Kleider ... Ofra th.khabês ’et b.gâdêhâ: Brody II, S. 12, Nr. 7.
Ich wiegt auf dem Schoße ... jôm shishatihû ‘alê bhirkhâj: Brody II, S. 16, Nr. 13.
Was drängt ihr mich also ... shô’alîm biglâlî mâ tish’alû: Brody II, S. 24, Nr. 22, Vers 11-18.
Abschiedsverse: mâ lokh çbhija timn.î çirâjikh: Brody II, S. 7 ff.
V. 5-8, 10-11, 13-16, 17-20, 21-24, 25-28, 29-32, 33-34, 49-52, 61-62, 63-64, 67-68 und 57-58.
Wach doch auf aus deiner Ruh’ ... ûrâ j.dîdî mitnûmâthêkha: Brody II, S. 20, Nr. 19.
Wie die Sonne über Sphären schreitet ... hinnê kashemesh galgal dôrêkheth: Brody II, S. 45, Nr. 45 (in die 2. pers. sing. übertragen).
Zum Ruhme der Braut: Jônâ âl ’afîqê mâjim: Brody II, S. 53, Nr. 53.
V. 3-6, 7-10, 23-26, 27-30, 35-38.
Zeigte Liebchen mir die Wangen ... lêl gill.thâ êlâj çbhijâ na’arâ: Brody II, S. 20, Nr. 18.
Liebe Sänger, singt den Trauten ... j.fê qôl qadd.mû khinnôr l. jâfôth: Brody I, S. 99, Nr. 70, Vers 1-38: Einleitung zu einer poetischen Epistel an R. Aaaron ben Zion Al-amâni (ca. 1141).
Was geht noch auf die Sonne ... mâ ta‘alê shemesh umâ tofî’a: Brody II, S. 19, Nr. 16.
Mög’ des Paares holder Bund ... ubâm jisraêl jithbârakh: Brody II, S. 44, Nr. 43, Vers 17-19.
4. Freundschaft: Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz ... l’at lî: Brody I, S. 11, Nr. 9.
Sehnt sich deine Seele noch ... ha ‘ôd l. jaldûth: Brody I, S. 129, Nr. 89. Einleitung der Epistel an Abul Hasan b. Moril.
Viele schon in meinem Herzen schufen ... b. libbî sôd: Brody I, S. 3, Nr. 3.
Abschied: j.dâ‘nûkhâ n.dôd: Brody I, S. 154, Nr. 101.
Ist’s der Myrrhe zartes Düften ... ha rê’ach môr: Brody I, S. 58, Nr. 43, Vers 1-8. Einleitung einer Epistel an Mose b. Esra.
Dieser Schlummer möge währen ... ’ashraj: Brody I, S. 157, Nr. 117.
Trank die Erde wie ein Kindlein ... ’ereç k. jaldâ: Brody I, S. 82, Nr. 60, Vers 1-38. Einleitung eines Preisgedichtes auf R. Isak Hajathôm.
5. Leben, Leiden, Dichten: Eine Taube schluchzt vom Zweige ... jônâ th.kannên: Brody I, S. 164, Nr. 110.
Sie besuchten mich im Traume ... j.‘îdunî b.nê jâmîm chalômôth: Brody II, S. 318, Nr. 110, Vers 1-8, 17-18.
Und als nun alle war mein Gold ... jôm nâd z.hâbhî: Harkavy II, S. 74, Nr. 5.
Siehe Menschensohn, siehe ... r’ê shôkhên thêwêl r.’ê: Harkavy II, S. 74, Nr. 4.
Kann dich Reichtum locken, Herz? ... l.bhâbhî mâ th.raddêf: Brody II, S. 289, Nr. 61.
Freue dich vor deinem Nächsten ... s.mach bifnê chabhêrêkhâ: Brody II, S. 311, Nr. 95.
Weh der Kunde, die im Ohre gellt ... hoh ‘al sh.mû’â çâlalâ loh ôzen: Brody II, S. 291, Nr. 66.
Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf ... shâlôm l. bath: Brody I, S. 18, Nr. 14, Vers 45-56.
Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand ... hê lâkh prî shîr: Brody I, S. 140, Nr. 94, Vers 73-78.
Seh’ ich, wie Narren ... bir’ôth libbî likhsîl jifrôç: Brody II, S. 297, Nr. 76.
Becherspruch ... j.fê mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, S. 312, Nr. 98.
Zwei Rätsel ... 1. k.lî mêkhil ... (Der Spiegel): Brody II, S. 195, Nr. 5.
2. b.lijâ’al w.jârî.ach m.dânîm (Die Wage): Brody II, S. 199, Nr. 15.
6. Zion: Zion, willst du immer wieder ... çijôn halô thish’alî: Brody II, S. 155, Nr. 2 (Die berühmte Zionide des Dichters).
Im Orient ist mein Herz ... libbî b. mizrâch w. ’anôkhi b.sôf ma’arâbh: Brody II, S. 155, Nr. 1.
Komm’ mit mir gen Zoan ... n.tê bî ’elê ço‘an: Brody II, S. 183, Nr. 21.
Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll ... jôm nikhsfâ nafshî l. bhêth hawâ‘ad: Brody II, S. 167, Nr. 7.
7. Das Meer: Der Sturm ... jô‘êç umêqîm: Brody II, S. 176, Nr. 17.
Holder Zephyr, deiner Lüfte ... zê rûchakhâ çad ma‘arâbh râqûach: Brody II, S. 171, Nr. 12.
Kommt die große Flut mit einem Mal? ... habâ mabbul w. sâm têbhêl charâbhâ: Brody II, S. 169, Nr. 10.
8. Letzte Tage (1141): In Aegypten ... b. miçrâjim: Brody II, S. 180, Nr. 18.
Hat die Zeit das Kleid des Lebens ... hafâshat hazz.mân: Brody I, S. 112, Nr. 78, Vers 1-16 (Einleitung einer Epistel aus Damiette).
Wollt ihr Liebes mir vergelten ... im r.çôn nafsh.khem l.mal’ôth r.çônî: Brody I, S. 211.
Dein Wunder geht durch alle Zeit ... ’elôhaj pil’akhâ dôr dôr j.ruchash: Luzatto Nr. 47, S. 17 b.
Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
- ... zu el makût. Reue und Zerknirschung, Andacht ...
... zu el [malkût]. Reue und Zerknirschung, Andacht ... - ... Liebe Sänger, singt den Trauten ... j. fê qôl qadd.mû ...
... Liebe Sänger, singt den Trauten ... [j.fê] qôl qadd.mû ... - ... Becherspruch ... j.fè mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, ...
... Becherspruch ... j.[fê] mar’ê p.qach ‘ajin: Brody II, ...