Am nächsten Tage.

(Zu Treiden.)

Auf, Gericht, bei Morgenroth!
Oeffne deine Schranken!
Und es sei der Jungfrau Tod
Seele der Gedanken!

Fern dem Wahne, fern der Scheu,
Wirf den Schein danieder;
Und vernimm, der Wahrheit treu,
Zeugen für und wider!

Dort die Leiche, dort das Beil,
Dort das Blut im Staube!
Hier die Klage, hier der Heil,
Hier gesunk'ner Glaube! —


Und sofort zu Kampfe zog,
Wider Heil, die Klage;
Und des Landes Richter wog
Mit der Themis Waage.

Heil, der Jüngling, trat hervor,
Todesbleich die Wangen;
Wie der Mond den Schein verlor,
Von Gewölk umfangen.

Tief gesunken und zerstört,
Heldenthum's Ruine;
Schmerz-gebrochen, Gram-verzehrt,
Stand er auf der Bühne.

Und der hohe Richter spricht:
»Lass' dich, Jüngling, fragen!
Kennst du diese Waffe nicht,
Und, wer sie getragen?

Dich erkennt an solcher Spur,
Wer sie aufgefunden;
Und mit solcher Waffe nur
Schlägt man solche Wunden. —

War es nicht der Bote dein:
Der, von Dir verblendet,
Deine Braut, durch leeren Schein,
In den Tod gesendet?

Gieb das zarte Kind zurück:
Das, durch dich entschwunden;
Dessen Spur auch Vater-Blick
Nirgend noch gefunden!« —


Heil, im Auge seine Braut,
Die der Mord erschlagen:
Schien mit allem Tod' vertraut,
Nicht mit solchen Klagen.

Nun, bekannt mit seinem Loos,
Rings um sich Verderben,
Sprach der Jüngling, ruhig gross,
Wie der Held im Sterben:

»Jenes Beil, mein Kläger hier,
Meine Lieblingshabe:
Wie es frommte mir und Ihr,
Folg' es mir zu Grabe!

Solch ein Werkzeug nur allein
Sollte mich begleiten:
Ihr, im weichen Sandgestein,
Obdach zu bereiten.

Zürne nicht, verklärte Braut!
Wenn ich nicht verhehle:
Dass ich nur für Dich gebaut
Jene zweite Höhle.

Was dem Blicke dort erstand,
Stufen und Gelände:
Schuf das Beil in meiner Hand;
Schufen diese Hände.

Sank denn Heil so tief herab:
Sich ein Werk voll Grauen, —
Seiner Braut ein frühes Grab —
Schmachvoll zu erbauen? —

Doch, wir stehen vor Gericht;
Und die Richter sagen:
Jenes Beil im Blute spricht,
Er hat sie erschlagen!...

Höret nun von mir Bescheid,
Auf die zweite Klage!
Neues Weh' und neues Leid
Weckt die Boten-Frage.

Glaubet! meine Seele weiss
Noch von keinem Boten:
Der die Braut, auf mein Geheiss,
Sandte zu den Todten.

Nur bei Tages Untergeh'n
War es uns beschieden:
Dort zu feiern Wiederseh'n,
In der Höhle Frieden.

Also war es Fug und Brauch
Für die Zwei geblieben;
So betrat ich, gestern auch.
Meine Bahn zur Lieben:

Noch zu enden war ein Theil,
Hoch am Grottenrande;
Und ich zog mein liebes Beil
Aus dem Gürtelbande.

Aber, als ich wohlgemuth
Mein Asyl erreiche:
Weh', da lag, in ihrem Blut',
Meiner Jungfrau Leiche!

Da entsank das Beil der Hand;
Kraftlos sank ich nieder;
Und — am Eis der Todten fand
Mein Gefühl sich wieder!...

Von dem Kinde weiss ich nur
Dieses zu gestehen:
Dass von Leutha keine Spur.
Gestern war zu sehen.« —


So erklang des Jünglings Wort,
Aus der Seele Tiefen!
Wahrheit riss die Menge fort,
Furcht und Wahn entschliefen.

Eine Todten-Pause trug
Tod in Feindes-Leben;
Und das Herz der Freunde schlug,
Wie bei Fieber-Beben.

Doch — der strenge Richter spricht:
»Wahrheit lebt in Zeugen!
Wem der Zeugen Mund gebricht,
Muss der Qual sich beugen!

Zeugen, oder Folter-Qual,
Will der Zeiten Sitte;
Dich befreit, von solcher Wahl,
Thräne nicht, noch Bitte.

Fühllos, wie die Weltenuhr
Schlägt den Takt der Zeiten:
Mag Gesetz dem Rechte nur
Kraft und Sieg bereiten.

Soll Gesetz im Staatenspiel'
Bahn der Wahrheit brechen:
Darf nicht Mitleid und Gefühl
Richter-Wort bestechen.

Darum, Knechte, führet ihn,
Ob er sich bedenke,
Nach den Thurm-Gewölben hin,
Vor die Marter-Bänke!

Dort, wo Heide oder Christ,
Schrecken fühlt und Grauen:
Mag' er jedes Qualgerüst',
Nach der Stufe, schauen!

Zeig't ihm jedes Marterholz,
Wie der Grad sich nenne!
Dass vielleicht gebeugter Stolz,
Frei, die Schuld bekenne.« —


Heil, ob Gram und Kummerlast
Tief das Herz bewegen,
Warf dem Richter, schnell gefasst,
Dieses Wort entgegen:

»Göttlich war das Urgesetz
Für der Menschheit Leben;
Menschlich war das Nachgesetz,
Das der Mensch gegeben.

Doch — das Gold von gold'ner Zeit,
Die uns Lieder preisen:
Sank herab, im Völkerstreit';
Wurde Blei und Eisen!

Und der Zeiten Stahl und Blei,
Würgend um die Wette:
Brach des Ringes Gold entzwei
An der Menschen-Kette!

So, wie Brennus nach dem Sieg',
Einst am Römer-Tage:
Warf ihr Schwert, wenn Zweifel stieg,
Themis, in die Waage. —

Also leg't Ihr Herzen ein,
In die Folter-Schrauben;
Bis zu Thaten wird der Schein,
Und der Wahn zum Glauben. —

Aber, weises Landgericht!
Heil und seine Ehre
Fürchten Eure Folter nicht!
Nicht der Qualen Schwere!

Bitt're Qual, die mich bedroht,
Soll mir süss erscheinen!
Denn mich wird ein Martyr-Tod
Mit der Braut vereinen.

Da sie fiel, durch Mörderstahl,
Die mir Gott gegeben:
Find ich nur im Leben Qual,
Und im Tode Leben.

Möge denn, an meinem Muth',
Euer Holz und Eisen
Seine Kraft und seine Wuth,
Wie an Ihr, beweisen!...

Einen Wunsch, auf Erden hier.
Hab' ich noch zu nennen:
Wollet nur ein Grab mit Ihr,
Gnädig mir vergönnen!

Wenn das Opfer Euch erlag:
Soll der Vorhang schwinden!
Kommen wird ein Rächer-Tag,
Und den Mörder finden.

Oh, die Ahnung sagt mir laut,
Wer die That begangen;
Und, von Wessen Stahl die Braut
Solchen Tod empfangen!

Eine Geisterstimme tönt,
Wie aus Gräberhallen:
»Die das Leben dir verschönt,
Ist für dich gefallen!«

Braut, wir horchen deinem Ruf'!
Einig sind die Beiden!
Wer die Zwei zu Einem schuf,
Wird sie nimmer scheiden. —

Erdenleib, im Erdenrund',
Fröhnt der Mutter-Scholle;
Und der Geist, im Körper wund,
Uebt nur Sklaven-Rolle.

Droben, in der Geister-Bahn,
Herrschen Geister-Mächte;
Sonnen sind dir unterthan,
Und Planeten Knechte.

Wie, und Erde soll den Geist
Weg von Dir verbannen? —
Nein, mit Einem Tritte weist
Sie der Muth von dannen!

Bess're Welt ist aufgethan
Allem Erdenblicke;
Thaten brechen dir die Bahn,
Leiden sind die Brücke.

Auf nun, Henker, sei bereit!
Sieh die Qual mich tragen;
Doch den Sieger auch im Streit
Sein Geschick erschlagen!" —


Also spricht er, und entschwebt.
Laut beweint von Allen:
Wie er frei und schön gelebt,
Frei und gross zu fallen.


Und die Knechte führen ihn,
Ob er sich bedenke,
Nach den Thurmgewölben hin,
Vor die Marterbänke.

Dort, wo Heide oder Christ
Schrecken fühlt und Grauen:
Soll er jedes Qualgerüst',
Nach der Stufe, schauen.

Folter, die auch Felsen bricht,
Oeffnet ihre Schrauben:
Blut und Mark, nur Ehre nicht,
Peinvoll ihm zu rauben.

Und ein Sichel-Mühlwerk steigt,
Knirschend, auf und nieder;
Und die Eisenjungfrau zeigt
Ihre Stachelglieder.

Eine Hölle zieht herbei,
Seinem Muth' entgegen;
Doch — er lächelt, wie der Mai
Unter Blüthenregen.

Himmelfriede, Seelenruh',
Sind ihm treu verbunden;
Und — sein Schicksal ruft ihm zu:
"Du hast überwunden!"