Bericht und Klage, aus der Burg von Treiden: an den Landrichter, zu Neuhof.
Versammelt war das Landgericht,
Zu Neuenhof, bei Treiden:
Um über Klage von Gewicht
So eben zu entscheiden.
Da kam, entsandt von diesem Schloss,
Wie Sturm, ein Reiter, hoch zu Ross;
Und brachte, spät am Tage,
Noch diese Schauerklage:
»Erschlagen hat, in blinder Wuth,
Ein wildes Ungeheuer:
Ein Mägdlein, fromm und engelgut,
Uns Allen werth und theuer!
Sie war die Braut vom Gärtner Heil;
Im Blute lag das kurze Beil,
Das er, in diesen Tagen,
Im Gürtel stets getragen.
Ihr Blut bedeckt den Bodenstaub
Der ihr geweihten Höhle;
Nicht aber sann auf schnöden Raub
Die freche Mörderseele.
Der Mörder will nicht Räuber sein;
Nicht Perle fehlt, noch Edelstein;
Wir fanden ihr Geschmeide,
Und ihr Gewand von Seide.
Doch zeugen Spuren, am Gewand',
Von Kämpfen um ihr Leben;
Und Beilschlag, von verruchter Hand,
Hat ihr den Tod gegeben.
Ein Rosatuch, von Blut befleckt,
Das, faltenreich, den Hals bedeckt:
Kann, von demselben Eisen,
Des Schlages Kraft beweisen.
Will aber diese Waffe zwar
Den jungen Heil verrathen:
So zeugt dagegen, offenbar,
Ein Heer von Edelthaten.
Sein Leben leuchtet makelrein!
Und reiner mag kein Engel sein:
Wie er, von uns gepriesen,
In Wort und That bewiesen.
Er übte magische Gewalt,
Und flocht nur Liebesbande;
Den Edlen ehrte Jung und Alt,
Und Herr und Knecht im Lande.
Die Töchter blickten, nah' und fern,
Nach ihm, wie nach dem Morgenstern;
Und er gewann Vertrauen,
Bei Männervolk und Frauen.
Er eilte, wie sein Herz gebot:
Dem Armen, wie dem Reichen,
Bei Sturmesnacht, bei Todesnoth,
Die Bruderhand zu reichen.
Er half, mit jedem Tage neu,
Geschäftig, ohne Mühenscheu;
Und ohne Dankes-Ehren,
Noch Lohnes zu begehren.
Kein Wunder, wenn die schönste Maid,
Für die sein Herz entbrannte,
Ihr liebes Weh' und süsses Leid,
Auch ihm, wie er, bekannte!
Der blasse Neid, bei stillem Groll,
War selber doch des Lobes voll:
Es sei, sich zu verbinden,
Kein schön'res Paar zu finden.
Und Vater Greif und sein Gemahl,
Ein Paar, so fromm und bieder:
Sie sahen auf so edle Wahl
Mit Segenblick danieder.
Gegeben war der Treue Ring;
Und bei Trompetenschall beging
Die alte Burg von Treiden —
Verlobungfest der Beiden.
Der Gartenkünste Meister liess,
Bei nimmermüdem Streben,
Für Segewold ein Paradies
Auf Oeden sich erheben.
Und noch ein neues Werk erstand,
Von seiner Kunst und Meisterhand:
Die Grotte sein, auf Höhen,
Soll ferne Zeit noch sehen.
Die Liven-Grotte schuf Natur;
Die seine, hoch daneben:
Sieht unter sich, in Thalesflur,
Der Landschaft Reiz und Leben.
Da mass die Jungfrau Segewold;
Und sah, bestrahlt von Abendgold,
Den Liebling täglich eilen,
Sein Glück mit ihr zu theilen.
Hier mochte sie, auf grüner Bank,
Den Bräutigam erwarten:
Der, wenn sein Tag hinuntersank,
Verliess den Blüthengarten.
Mit Blumen war, von ihm gepflückt,
Die Grotte täglich neu geschmückt;
Bis ihr von Rosenstunden
Die letzte heut' geschwunden!
Denn heut', in früher Morgenstund',
(Was nie bisher geschehen!)
Liess Heil an sie, durch Boten-Mund,
Den lauten Wunsch ergehen:
Sie möge nach dem Mittagmahl',
Zum Gange nach dem Höhlenthal',
In Liebe sich bequemen,
Und — »Scheidegruss« vernehmen!
Er habe noch der Arbeit Viel
Am Abend, zu besorgen;
Und — Fahrt ins Weite sei das Ziel,
Schon für den nächsten Morgen.
Er wolle, wenn sein Glück entweicht,
Die Braut, zum letzten Mal vielleicht,
In seiner Grotte schauen;
Und And'res — Gott vertrauen.
Die Eltern, um ihr Wort befragt,
Den Gang ihr zu gewähren:
Sie mögen, was sie nie versagt,
Auch heute nicht verwehren. —
Ob Ahnung, ob es Laune war:
Geschmückt, wie vor dem Traualtar,
Erscheint, im Festgewande,
Die schönste Braut im Lande.
Und sieh, der letzte Gang beginnt!
Er nimmt sie fort von Treiden!
Sie aber wandelt still und sinnt,
Und weilet noch im Scheiden! —
Dann, wie der Sonne Majestät
In Wolken freundlich untergeht,
Und stirbt, im Abendrothe:
Geht Rosa-Mai — zum Tode!...
Die Freude sieht die Stunde nur
Wie Augenblick entschwunden;
Der Sehnsucht — dehnt die Zeitenuhr
Zu Tagen oft Sekunden!
Vergebens fleht der Alten Blick
Die Tochter ihrem Haus zurück!
Sie wandelt hoch — und ferne —
Auf unbekanntem Sterne!
Nicht heiter, wie der Bach entweicht,
Nicht, wie die Quelle munter:
Nur trüb', wie Sumpfgewässer, schleicht
Der träge Tag hinunter! —
Der Westen glüht, die Sonne sinkt;
Und Schattenkühl im Thale winkt:
Da schmachtet Herzverlangen,
Die Töchter zu empfangen!
Nun wird es laut am Eisenthor!
Und sieh, empört, voll Grauen:
Tritt Heil von Segewold, hervor,
Gespenstern gleich zu schauen!
Wie Donner, trifft sein Wuthgeschrei:
»Herbei, du Vater Greif, herbei!
Im Blute liegt, erschlagen,
Die du zur Welt getragen!« —
Die Hölle flammt in seinem Wort!
Ihr Hohn ertönt im Schalle!
Dann eilig stürmt der Wilde fort;
Und hinter ihm — wir Alle.
Wir folgen seiner Tritte Spur,
Den Berg hinab, in Thales Flur;
Empor dann, am Gelände,
Zum Werke seiner Hände.
Und dort — in seiner Grotte lag:
Die weiland Segenreiche!
Die Jungfrau, todt durch Mörderschlag,
Nun Marmor-starre Leiche!
Sie lag in Blut, von Blut bedeckt;
Und — von demselben Blut befleckt
Lag jenes Beil daneben,
Das ihr den Tod gegeben!
Wer solches Beil sein eigen nennt:
Kann Mehr vom Morde sagen;
Wer aber, der den Jüngling kennt,
Darf hier ein Urtheil wagen? —
Es ist, was ihm Verdammniss droht,
Sein Werkzeug hier, von Blute roth:
Wenn volle Thatenreihen
Ihn dort zum Helden weihen. —
Und so verlangt die erste Pflicht:
Uns, Herr! an Euch zu wenden;
Euch — werden seine Thaten nicht,
Noch hier sein Eisen, blenden.
Wir leben sorgvoll, ohne Ruh'!
Und senden Euch den Wagen zu;
Bei Bitte, nicht zu weilen,
Nach Treidens Burg zu eilen!«