Der 6. August.
»Junker Victor lässt Euch grüssen,
Mit dem Wunsch' an Euer Herz:
Ihm noch, tröstlich, zu versüssen
Bald'ger Trennung-Stunde Schmerz!
Hat am Abend noch zu sorgen,
Im Geschäfte für den Herrn:
Aber schon der nächste Morgen
Findet ihn — dem Hause fern.
Fräulein möge sich bequemen:
Von dem Treuen noch ein Wort,
Vor der Reise zu vernehmen,
Dort, am ihr bewussten Ort'!
Heute, nach vollbrachtem Mahle,
Bei der Mittagsonne Strahl',
Harret Victor Heil im Thale;
Und — vielleicht — zum letzten Mal!«
Diese trauervolle Kunde,
Nicht der Liebe Träumen hold:
Kam der Braut aus Boten-Munde,
Nach dem Schein, von Segewold.
Sinnend ob des Wort's Bedeuten,
Sprach sie dennoch schnell gefasst:
»Wenn sie heut' zu Mittag läuten,
Bin ich meines Trauten Gast.« —
Und der Bote zieht von dannen,
Eilig wie Verhängnissflug:
Seinem Orte zu, von wannen
Ihn der Hölle Dämon trug.
Todeskälte, Fieberbeben,
Namenloses Weh' und Leid:
Ueberzog Dein Rosenleben,
Rosa, wundersüsse Maid!
»Heute, nach vollbrachtem Mahle.
Bei der Mittagsonne Strahl,
Harret Victor Heil im Thale;
Und — vielleicht — zum letzten Mal?«
»Welch Gebot ist dir geworden?
Welche Sendung trägt dich fort? —
Wer, um unser Glück zu morden,
Sprach dir solches Unheilwort? —
Dich, mein Leben, soll ich meiden,
Noch im Frühling deiner Bahn?
Von dem Himmel soll ich scheiden,
Der sich kaum mir aufgethan? —
Träger Morgen, nimm dir Schwingen!
Mittagstunde, komm herbei!
Sich're Kunde mir zu bringen,
Ob mein Traum zu Ende sei. —
Kommen will ich, zu dir eilen:
Einer flücht'gen Stunde Frist,
Glücklich noch, bei Dem zu weilen,
Dessen Glück mein Himmel ist.« —
Also tönt der Jungfrau Klage;
Und sie eilt im Flügelschritt';
Und den Pflegern ihrer Tage
Theilt sie schnell die Kunde mit.
Bergend in der Brust die Wunde,
Ruhig scheinend, ohne Ruh',
Sprach sie; — und der bösen Kunde
Hören bang die Lieben zu.
Inn're Warnerstimmen sprechen,
Zweifel stürmt die alte Brust:
Rosa weiss den Sturm zu brechen,
Sich nur frommer That bewusst.
Weich, wie Flötenklänge wehen,
Zärtlich, wie das Auge sprach,
Sendet sie der Blicke Flehen
Noch einmal die Worte nach:
»Möge Vaterhuld gestatten,
Was die Mutter nie versagt!
Jener Gang im Abendschatten,
Sei zu Mittag heut' gewagt!« —
Und die Lieben? — Sie gewähren
Ihr, zu Tages heller Zeit,
Neu, den alten Gang in Ehren,
Und die Schwester zum Geleit'.
Dann enteilt sie; wählt zum Kleide,
Aus dem hellgebohnten Schrein,
Ihren Festtagschmuck von Seide,
Perlen auch und Edelstein.
Alles muss den Reiz erheben,
Was die schöne Welt entzückt;
Was da ziert der Liebe Leben,
Und — die Braut im Sarge schmückt.
Dann der Liebe zu genügen,
Wählt sie noch ein Busentuch,
Dessen Rand, in gold'nen Zügen,
Darbot diesen Römerspruch:
»Lass' des Muthes Fahne wehen.
Wenn den Stab dein Schicksal bricht!
Lass' dein Leben untergehen,
Aber deine Ehre nicht!«
»Ja,« so sprach sie, »diese Gabe,
Seiner Liebe Brautgeschenk:
Soll mich finden bis zum Grabe,
Treu, des Treuen eingedenk!« —
Rosenroth, wie Rosen's Wangen,
Malet sich des Tuches Grund;
Zarte, gold'ne Sterne prangen,
Mitten d'rauf, im Zirkelrund.
Also, wie zum Hochzeittage,
Schmuckreich, glänzend angethan:
Eilt sie, mit dem Glockenschlage;
Und die Schwester geht voran.
Leutha hüpft im Jubelreigen,
Durch den Hain, ihr Königreich;
Rosa folgt, in düst'rem Schweigen,
Ihrem Todesengel gleich!
Oft noch, wie von Ahnung bange,
Wendet sie den feuchten Blick,
Auf des Lebens letztem Gange,
Nach dem Vaterhaus zurück!
Und mit Augen, deren Milde
Nur von Glück und Segen sprach:
Schauen ihrem Engelbilde,
Lange noch, die Lieben nach.
Sinnend geht sie weit und weiter,
Näher doch dem frühen Grab'!
Engel, auf der Himmelsleiter,
Steigen ihrem Traum' herab.
Doch, die guten Engel weinen!
Schmerz umflort ihr Angesicht!
Und — die Zeichen, die erscheinen,
Melden Glück der Liebe nicht.
Raben, Krähen, Dohlen kreisen,
Wie zu wehren diesem Gang';
Und es tönt, in Schauerweisen,
Um sie her wie Grabgesang!
Durch des Thales grüne Matten,
Sucht und wählt sie neue Bahn;
Sieh, da starrt ein bleicher Schatten
Sie mit Todes-Augen an!
Horch! und Geisterworte schallen,
Wie aus Gräbern, hohl und tief:
»Weh', der Würfel ist gefallen!
Todesbraut — dein Schicksal rief!«
Doch, von Schrecken ungeblendet,
Muthbewehrt am Schauerort,
Ruft, dem Schatten zugewendet,
Rosa Mai — des Bannes Wort:
»Bist du Gottes: lass' mich wandern!
Hab' in deinem Grabe Ruh'!
Aber dienest du dem Andern,
Weiche — deiner Hölle zu!«
Und sie sah das Bild entschwinden,
Wesenlos, in blauer Luft;
Doch, von seiner Heimath künden
Schwefeldampf und Moderduft.
Rosa weilt nun, an den Stufen,
Deren Weg zur Grotte führt;
Aber — and're Stimmen rufen,
Deren »Ach« die Felsen rührt:
»Nah' ist, Jungfrau, dein Verderben!
Nah' der Rose Blüthenfall!« —
Doch die Geistertöne sterben,
Ohne Frucht, im Widerhall.
Muth und Kraft der Liebe siegen;
Das Phantom der Schrecken weicht;
Und sie hat den Fels erstiegen,
Und der Grotte Ziel erreicht.
Ringsum, nach dem Stern des Lebens,
Wendet sie den Blick umher:
Doch ihr Auge sucht vergebens!
Rosa fand — die Grotte leer.
Bleich und kalt, in Weh' begraben.
Schaut sie nach dem Thalgefild;
Einsam, schweigend und erhaben,
Wie am Grab' ein Marmorbild!
So ermass, am Felsenhügel,
Ariadne den Betrug:
Der ihr Glück, mit Windesflügel,
Flüchtig, in die Ferne trug. —
Endlich naht es, — auf den Zehen!
Doch der Ton der Tritte gleicht —
Wolfesgang', der ungesehen,
Leise nach dem Raube schleicht.
Wie ein Tiger gräbt die Zähne
Tief dem Opfer in die Brust;
Wie bei Nacht die Grabhyäne
Nährt an Leichen Würgerlust:
Also naht in Gluht und Feuer,
Ungezähmter Gierde Raub,
Rosa, Dir, das Ungeheuer!
Tränkt mit Blut der Höhle Staub!
Fremdling! soll ich Mehr Dir sagen?
Heute, Fremdling, frage nicht!
Aber, wird ein Morgen tagen:
Folge mir — zum Weltgericht!