Die Felsengrotte des Victor Heil.
Dort, im Schattenkühl der Guttmann'shöhle,
Deren Felsendach die Eiche ziert;
Wo, seit Rosen's Heimgang, Philomele
Tief, wie Schwermuth, Dir die Seele rührt;
Wo der Live seinem Freudengotte,
Gern und einsam in der Sommernacht,
Gaben senkend in den Quell der Grotte,
Seine Dankesopfer dargebracht:
Dort auch fanden, nach der Tage Sorgen,
Unter Blüthenduft im Abendschein,
Sich vertrauend und der Welt verborgen,
Victor Heil und Rosa Mai sich ein.
Amor lieh sein Flügelpaar den Beiden,
Wann der Sonnengott zu Bette ging;
Ihm von Segewold und Ihr von Treiden,
Bis die Grotte dann ihr Glück umfing.
Greifen's Tochter war der Braut Geleite;
Kind, das kaum den neunten Frühling sah:
Blieb sie gern den Lieben an der Seite;
Winkes harrend, ihrem Wunsche nah',
Aus der Ferne schon die Maid zu schauen,
War der Jüngling bald bei Nacht bemüht:
Noch ein zweites Höhlenwerk zu bauen,
Das der Fremdling noch zur Stunde sieht.
Droben, dem Naturgebäu zur Linken,
Das sich unten wölbt, in Thalesgrund:
Seh'n wir heute Victors Höhle winken,
Denn sein Name schmückt ihr Felsenrund.
Fleiss der Liebe, Fleiss der Hände schufen:
Was gen Segewold den Blick gewährt;
Doch so manche, sonst bequeme Stufen
Haben Zeiten und ihr Sohn zerstört!
Welche Freude kam auf ihre Seele:
Da die Holde nun dem Ziele nah',
Droben aus dem Bauwerk seiner Höhle,
Den Geliebten in der Ferne sah!
Und so weilte sie, bei Tagesneige,
Mit der Schwester, an der Grotte Rand':
Bis sie, schauend durch das Grün der Zweige,
Ihren Freund auf seinem Wege fand.
Wie das ew'ge Licht der Kathedrale,
Hing der Abendstern am Himmelsdom;
Widerstrahlend, längs dem Zauberthale,
Sah der Vollmond aus dem Silberstrom.
Unten sang ihr Lied die Grottenquelle;
Ferne sprach der Mühle Wasserfall;
Und im Laubdach auf der Felsenzelle
Schlug die Flötenuhr der Nachtigall.
Und die Lieben sassen, wonnetrunken,
Hand in Hand, auf moosig weichem Pfühl,
In der Liebe Seligkeit versunken,
Voll der Andacht, voll von Dankgefühl!
Gleich dem Blüthenthal vor ihrem Blicke,
Gleich des Stromes ungetrübtem Lauf':
Fern dem Unheil, fern dem Missgeschicke,
Ging die Zukunft ihren Träumen auf.
Keine Ahnung jener Schicksalmächte,
Die dem Glücke liefern blut'ge Schlacht:
Weckte noch den süssen Schlaf der Nächte;
Trübte noch der Tage Rosenpracht!
Ach, — und morgen, eh' dem Sonnenwagen
Folgt der Abendröthe letzte Gluht:
Hat Dich, Rosa, schon der Mord erschlagen!
Trank die Erde schon Dein Heldenblut!