Die Nacht am Grabe.

Die Landschaft ruht in tiefem Schlummer,
Der Mond nur und ein Jüngling wacht;
In Frieden jener, der in Kummer,
Doch Beide wandeln durch die Nacht.

Und Heil, am Grabe, Mond-beschienen,
Verklagt in süsser Melodie,
Sein Glück, auf dessen Prachtruinen;
Und also klang die Elegie:

»Bist Du so früh emporgeschieden,
Nach kurzem Traum von Erdenglück?
Und führt, von Deinem Gottesfrieden;
Kein Weg in Freundes Arm zurück?

Kann Liebe Dir nicht wiedergeben,
Was Erdentod dem Leben nahm?
Kann keine Thräne mehr beleben
Den Leib, der von der Erde kam? —

Vergebens! — In die Nacht der Zeiten
Verliert sich meiner Klage Ruf!
Nur Einer kann mir Trost bereiten:
Wer Licht aus Nacht der Nächte schuf.

Nur Du, von Dem, seit Welten kreisen,
Die Phantasie kein Bild entwarf!
Nur Du, Den wir »Allvater« preisen,
Der Alles gab, und Nichts bedarf!


Nun weihet mich, ihr Todtenhügel!
Ein Erdsohn will sein Fest begeh'n;
Komm', Seraph, leih' mir deine Flügel,
Ich will die Braut im Lichte seh'n.

Die Erde soll wie Nebel schwinden;
Die Sonne lass' ich weit zurück!
Will sich der Geist zum Geiste finden,
Verlangt es nur den Augenblick. —


Geliebte Du, in fernen Räumen!
Wann sich die Geisterstunde neigt:
Umfangen wir Dein Bild in Träumen;
Dein Bild, das uns die Palme zeigt.

Dein treu bewährtes Tugendleben,
So lang es hier auf Erden ging:
War eine Landschaft, mild und eben,
Gefasst in einen Blumenring.

Da war kein Berg mit Silberminen,
Kein Alpenstrom, der Gold verhiess;
Kein Schloss der Vorzeit in Ruinen,
Kein Thurm mit seinem Burgverliess.

Es war die reichste Blumenwiese;
Durch die sich, wie ein Ordenband,
Ein Perlenquell vom Paradiese,
Vorbei an Frucht-Alleen wand.

Nur Unschuld, Ehre, Treue gingen
Einher, bei frohem Lerchensang;
Und Engel nur mit Rosaschwingen.
Umflogen sie auf jedem Gang.

Ein Hüttchen stand, im Sonnenglanze:
Da flocht, bei stillem Heitersinn,
Ein Gärtner an dem Bürgerkranze,
Für seines Glückes Königin.

Doch — neidisch brachten dunkle Mächte,
Dem Glück', des Todes Richterspruch!
Der Sonne folgten Schauernächte;
Da war die Flur ein Leichentuch!

Mein Himmel schwand! — Wie dort in Flammen
So mancher Weltenbau verging:
So fiel mein Paradies zusammen;
Und — Grab nur blieb, was ich umfing!

Du aber konntest nicht verlieren —
Den Schmuck, der auch den Engel ziert!
Das Schicksal wollte Dich verführen,
Du aber hast den Tod verführt.

Charakter — porenloser Wille,
Der gold'ne Saat für Welten trägt:
Hat Dir, in Deiner Sabbathstille,
Gedankengold zu That geprägt.

Nur so gelang es Deinem Muthe:
Bei frech bestürmender Gefahr,
Zu siegen noch in Deinem Blute;
Zu retten, was Dir heilig war. —


Dich nennt zwar keine Weltgeschichte,
Sie schreibt ja nur bei Dämmerlicht!
Es gingen Völker zum Gerichte,
Und die Geschichte kennt sie nicht!

Oft hat der Unschuld Gottvertrauen
Den Sieg der Feinde schnell besiegt;
Tyrannengrimm ein Blick der Frauen,
Am Thränenquell, in Schlaf gewiegt;

An unsichtbarem Spinngewebe
Hing oft der Staaten Weltgeschick:
Doch selten lebt, wer uns beschriebe
Der Webzeit Ersten Augenblick! —

Ein Saemann schrieb die Erste Rolle,
Die Segen auf die Völker trug;
Sein Jahrbuch war die Erdenscholle,
Sein Zaubergriffel war — sein Pflug.

Mit solchem Griffel schrieb er Thaten,
Kein Prahlwort, in der Zeiten Buch;
Mit solchem Schriftwerk hob er Staaten:
Und seine Saaten trifft kein Fluch!

Kann aber uns Geschichte melden:
Wer solch ein Götterwerk erdacht? —
Ihr Labsal ist nur Mark der Helden;
Ihr Nektar, Blut der Völkerschlacht!


So grabe denn der Helden Leben,
Geschichte, deinem Marmor ein!
Doch — Ihr auch wird ein Tag sich heben,
Und Rosa nicht vergessen sein!

Es kommen Söhne ferner Zeiten,
An die noch keine Zeit gedacht:
Die werden Dir ein Fest bereiten,
Zum Jahrtag Deiner Todesnacht. —

Die Hand der Liebe sä't in Grüfte
Den Keim zu manchem Wunderbaum;
Die Krone spielt im Reich' der Lüfte,
Die Wurzel fand im Grabe Raum':

Da grünt ein Stamm aus Deinem Staube;
Aus Thränen wird ein Wasserfall;
Und in der Linde Mai-Gelaube
Besingt Dein Lob die Nachtigall.


Der Vollmond hebt die Augenlieder;
Ein Pilger eilt dem Hügel zu;
Und neigt sich auf Dein Grabmal nieder,
Zu schlafen süssen Schlaf, wie Du!


O Du, verklärt, in lichten Sphären:
Gieb Segen meinem Pilgerlauf!
Und nimm hinab, des Dankes Zähren,
Und meinen Kuss, zu Dir hinauf!

Mein Glaube wohnt auf Deinem Hügel,
Die Hoffnung reicht den Wanderstab;
Bis mich zu Dir der Liebe Flügel,
Emporhebt, über Zeit und Grab.

Dein Rosatuch — sei mir Geleite,
Wohin auch mein Verhängniss ruft!
Es folge mir im Erdenstreite,
Und dann zum Frieden, meiner Gruft!

Du aber, Staub der Gräber-Auen:
Lass hier bei Mond- und Sonnenschein.
Das Leben sich am Tod erbauen,
Dann wird kein Tod im Leben sein!«